Gedanken zum Hass

Die Leute sind so sehr daran gewöhnt zu hassen, zu töten, zu verachten und sich zu fürchten, dass sie versuchen, jeden zu beseitigen, der ihnen sagt, dass sie sich vielleicht täuschen und ihre Haltung nichts weiter ist als Hass auf das eigene Leben. (Raoul Vaneigem)

Georg Kreisler komponierte ein schwarzhumoriges Lied über das Töten, was ich dieser Einleitung gern hinzufüge:

Ich fange mit dem Thema etwas persönlich an, auch wenn ich immer wieder den Vorwurf bekommen, dass persönliche Erfahrungen und polit-ökonomische Analyse getrennt werden müssen oder sollen.

Für mich gehört es zusammen, denn ohne eigene Erlebnisse bzw. spezifische Sozialisation wäre so manche* nicht dazu gekommen, sich der kritischen Gesellschaftsanalyse zu widmen. Den Charakter dieser bürgerlichen Zivilisation haben zahlreiche Psychoanlytiker*innen erforscht. (1)

Ich habe deren Bücher in meiner Jugendzeit verschlungen, weil meine Mutter sehr depressiv war und sich in noch jungen Jahren erhängte. Sie hatte sehr gelitten und im kleinstädtischen Milieu der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts war niemand da, der ihr helfen konnte. Im Gegenteil: Sie wurde Opfer der Pharmazie und mit Tabletten voll gepumpt, die ihr Leid aber noch vergrößerten. Das zeigte sich daran, dass sie einen Suizidversuch nach dem anderen durchführte, wovon dann ihr letzter „erfolgreich“ verlief.

Schon als kleines Kind habe ich sie getröstet, denn sie war in ihrer Ehe mit einem völlig empathielosen Mann sehr unglücklich und weinte sehr viel. Sie hat nicht gehasst oder Aggressionen nach außen gerichtet, sondern ist – autoaggressiv – gegen sich selbst vorgegangen. Im Grunde ist sie an der christlichen Mädchenaufzucht der katholisch geprägten Stadt, in der sie aufwuchs, zugrunde gegangen. In dieser Mädchenaufzucht und Frauensozialisation wird der Frau quasi ein Schuldkomplex eingeimpft. Dieser begründet sich aus der Erbsündenideologie. Eine weitere Ursache für die Charakterdeformation der christlich-bürgerlichen Gesellschaft ist die Legende der „unbefleckten Empfängnis“ (2), die eng mit der Tabuisierung der Sexualität allgemein sowie die Kontrolle der Sexualität der Frau insbesondere verbunden ist. Letzteres Phänomen begründet sich aus der patriarchalen Tradition, dass die Natur unterworfen, beherrscht und in Besitz genommen werden muss und die Frau über einen langen historischen Zeitraum hinweg in’s Reich der Natur verwiesen wurde und bis heute wird. Am Beispiel der Genitalverstümmelung (FGM)  wird das „bis heute“ klarer bzw. ist in diesem grauenhaften Phänomen klar ersichtlich. Doch auch die verstecktere Form davon, die in allen zivilisierten Industrienationen anzutreffen ist, bedeutet patriarchale Unterdrückung. Dazu gehört die Tatsache, dass der Frauenkörper als Objekt der männlichen Sexualität propagiert und dargestellt wird und dies von Männern umgesetzt wird. Damit aber wird Frauen der eigenständige Gebrauch ihrer Sexualorgane und des Libido (d.h. der sexuellen Triebenergie) sowie ihrer grandiosen Orgasmusfähigkeit nicht zugestanden.

Daraus entwickeln sich zahlreiche Psychopathologien und Neurosen, die alle Nachkommen betreffen und von Generation zu Generation weiter gegeben werden. Dies, weil der Schuldkomplex die Familie belastet und sich als grauer Schatten zwischen die Mutter-Kind-Beziehung schiebt.  Er basiert nicht nur auf dem Schuldkomplex, sondern vor allem darauf, dass – wie dies Wilhelm Reich analysierte -, Frauen ihre Kinder erst dann wirklich lieben und ihnen zugewandt sein können, wenn der Sexualakt für sie schön war, d.h. sie darin befriedigt wurde. Das Wort „Befriedigung“ passt wieder sehr gut zu dem, was ich als ursprünglichen „Bonobo-Charakter“ des Menschen unter (2) dargestellt habe. Auch Raoul Vaneigem fordert ein natürliches Sexualverhalten in „Das Buch der Lüste “ ein und beschreibt den Schatten als Zustand des ökonomisch-bürokratisch programmieren Selbsthasses, der sich auch dadurch manifestiert, dass die Ware mehr geachtet wird als der Mensch mit seinem Begehr nach Wohlbefinden. Mittels der Werbeindustrie wird gar der Libido auf bestimmte Waren gelenkt. Und dies mit sehr perfiden Methoden, wie es Vance Packard in „die geheimen Verführer“ beschrieb.

Der Verlust dieser Befriedigung und Zufriedenheit durch Triebunterdrückung bringt die „emotionale Pest“ hervor, die W.R. in seinem Buch „die Massenpsychologie des Faschismus“ beschrieb.

Auch die Analyse von Kindesmisshandlungen durch die Gerichtsmediziner*innen Michael Tsokos und Saskia Guddat in „Deutschland misshandelt sein Kinder“ sollte allen, die Hass und Gewalt bekämpfen Anlass zu Besorgnis geben. Die Autor*innen kommen nämlich zu dem alarmierenden Resultat, dass es nur in 28 % aller Familien in Deutschland zu keinen körperlichen Gewalttaten gegen Kinder kommt.

„Lediglich in 28 % der Familien kommen körperliche Strafen nicht oder so gut wie nie vor.“  (3)

Was aber ist mit psychischer Gewalt(anwendung) durch Bestrafung, wie z.B. Liebesentzug, Hausarrest, Streichung des Taschengeldes etc. ?

Diese Fakten machen deutlich, wie stark bzw. großflächig verankert traumatisierende Gewalt in der bürgerlichen Familie ist. Die meisten bürgerlichen Individuen arbeiten diese Gewalt nicht auf, sondern verdrängen sie. Unbewusst wirkt sie jedoch weiter, wird nach außen projiziert und prägt das Verhalten im gesellschaftlichen Arbeits- und Kommunikationsprozess. Im Schulalltag ist es noch sichtbar, dass viele Gewaltopfer selbst zu Gewalttätern werden. Was ist, wenn sie später eine Karriere als Politiker machen, wie Horst Seehofer oder Andrea Nahles, die unlängst einen verfassungsfeindlichen Lügner goutierten und beförderten? Doch damit sind wie jenseits jeder Gefühlsregung und auf dem Gebiet der Bürokratie und des Machtkalküls. Darin geht es nur darum, den eigenen Posten zu erhalten und abzusichern. Es ist die gesellschaftliche Mitte, d.h. das K(r)ampffeld des postfaschistischen bzw. postnationalsozialistischen Mittelstandes.

Der politökonomische Machtkalkül-Charakter ist jedoch bekanntermaßen weitaus gefährlicher als gefühlsgeladener bzw. -belasteter Hass, wie sich unschwer aus „Eichmann in Jerusalem“ von Hannah Arendt ableiten lässt. Die Nazis waren keine mit Hass erfüllten Antisemiten, sondern machten ihn aus politischem Kalkül heraus zum politischen Programm, damit die deutschen Stahlbarone und andere Unternehmer nicht um ihre Gewinne fürchten mussten. (Rassenk{r}ampf statt Klassenkampf im Dienst der Kapitalakkumulation). Es ging es ihnen aber auch um den Erhalt des deutschen Mittelstandes, der sich durch den jüdischen Mittelstand materiell (im Sinne der kapitalistischen – freien – Marktwirtschaft und auf Basis der darin lauernden Konkurrenz) bedroht fühlte und ihn deshalb liquidierte.

Fast alle deutschen Politiker quer durch alle Parteien kommen aus dem Mittelstand und haben deshalb eine starke Charakterähnlichkeit. Die AfD knüpft nur noch robuster an die Tradition des deutschen Mittelstandes mit seiner liquidatorisch-autoritären und nationalistischen Politik an. Eben deshalb machen sie eine (für den „gemeinen Bürger“ und die liberale Demokratie) furchtbare Politik, die durch die AfD im „schlüsselfertigen“ Bundestag noch fürchterlicher wird.

Doch kommen wir noch einmal auf den Hass zurück: Ich denke, dass die einzigen, die allen Grund zum Hass haben: Die hart Arbeitenden, da sie wegen Existenzstress, Ausbeutung und Arbeitsqual sowie auch mangels Wohnung kein „sexy life“ leben können.  Sie sind  nur variables Kapital, Ausbeutungsmasse und Leistungsvieh. Da ich aus der Arbeiter*innenklasse abstamme, weiß ich, was für ein schlimmes Leben die Arbeiter*innen haben.

Die AfD wird deshalb von der herrschenden Klasse und ihrem Staatsapparat gebraucht und gefördert, weil sie den Hass der Arbeitenden auf dieses System gegen Fremde richten soll, damit die herrschende Klasse ihre Geschäfte weitermachen und ihren Reichtum weiterhin vermehren kann. Deutschland ist bekanntlich im Krieg und der wird auch an der Heimatfront geführt. Nun stoßen die Großmächte zunehmend aufeinander.

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(1) Neben Wilhelm Reich und Alice Miller sowie vielen weiteren Analytiker*innen ist Arno Gruen sehr interessant, der sich insbesondere mit dem Verlust der Empathie beschäftigte. Leider wurde die Psychoanalyse durch den Nationalsozialismus fast vollständig ausgelöscht und Wilhelm Reich selbst in den USA weiter verfolgt, wo auch zahlreiche Bücher und Schriften von ihm verbrannt wurden.

(2) Hier möchte ich, um Madame l’histoire Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, noch folgendes erwähnen: Joshua (Jesus) wurde jüdisch geboren und im Judentum existiert – von Geburt an – keine „Erbsünde“. Wie der verlinkte Wikipedia-Artikel nachweist, wurde die „Erbsünde“ eh erst nach seinem Tod erfunden. Dennoch hängt die Paradiesvertreibung eng mit der Tabuisierung des Sexuellen zusammen, da die beiden (Adam und Eva) sich plötzlich ihrer Sexualität wegen schämten und ihre Geschlechtsorgane bedeckten. Damit begann der Zivilisationsprozess bzw. die Einheit zwischen Mann und Frau als Naturwesen zerbrach. Der Bonobo-Charakter der Primaten, der mittels sexueller Zärtlichkeit Aggressionen befriedete,  verödete und der Mensch verlor zunehmend sein ursprüngliches Gemeinwesen bzw. zerstörte es immer mehr. Weitere Einschränkungen und Unterdrückung der Befriedigung und Zufriedenheit basieren auf dem modernen repressiven Charakter der bürgerlichen Gesellschaft und materiellem Mangel, d.h. Stress, schlechten Wohn- und Arbeitsverhältnisse, die Pflicht, sich der Diktatur der Ware-Geld-Beziehung zu unterwerfen. Somit verstärkte sich das, was Heraklit sagte: „Der Krieg ist Vater aller Dinge.“ Auch der Mensch mutierte zum variablen Kapital, dem Homo Oeconomicus, Humankapital.

(3) aus einer Studie des Bundesfamilien- und Bundesjustizministeriums, zitiert nach Tsokos/Saskia S. 25

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. Wir haben nur EINE Mutter Erde und sollten sie für die nächste Generation schützen. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern. We have only ONE mother earth and shall protect her for the following generation.
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2 Antworten zu Gedanken zum Hass

  1. Michaela Lusru schreibt:

    Ich würde mich gern zum Text äussern, da ich beeindruckt bin von dem Bemühen um schonungslose Ehrlichkeit, aber ich finde keinen treffenden Ansatz, denn ich hatte wie sehr viele meiner Mitschüler und Freunde wie auch späteren Kolleginnen nicht nur “eine Mutter“, die Erde, sondern auch eine überaus liebevolle und lebenstüchtige eigene Mutter samt kräftig sorgenden Vater, der sich nie zu schade war, uns die Mutter, ihre Sorgen oder Freuden und unser Leben zu erklären, meist durch sein Vorleben.
    Aversionen gegen Eltern oder Väter sind mir und unserer ganzen Familie fremd, wie soll ich da so ohne Weiteres das verstehen, was du über dein Leben erzählst – dennoch gebe ich mir Mühe dazu, haben sich doch dieser oder jener Mensch auf meinem Weg sich mir anvertraut, auch etliche mit Bindung oder Erfahrungen aus der Welt des Herrn Reich oder anderer psychologisch Experimentierenden. So treffend wie derartige Aussagen uns vorkommen, geholfen haben sie bisher keinem von diesen Menschen, hingegen ein Hinführen in umgehend praktisches tägliches Leben sehr, auch wenn das steinig oder schockig erschien- Wilhelm Reich wurde verzichtbar,wurde ausgetauscht gegen den Alltag, seine Freuden, Leiden und vor allem gegen direktes eigenes Zugehen auf andere Menschen, auch anscheinend fragwürdige.
    Dennoch glaube ich nach dem Lesen deines Textes mit dem persönlichen Hintergrund und der darin wohl begründeten Einsamkeit vieles von dem was du meinst nachfühlen zu können, auch wenn ich mir sicher bin, dass über 80% der familiären Verhältnisse meinen freudigen Erfahrungen entsprechen und das der Massstab für Ratschläge sein sollte, als aktive Erinnerung an den Segen eines kooperativen und vertrauensvollen Verhaltens zum Menschen, und zwar zu allen.
    Sorry, aber ich meine, solche Sichtweisen gehören unmittelbar zu deinen hier beschriebenen dazu, denn aus meiner Sicht sind sie nicht nur in der grossen Überzahl sondern auch weit prägender für gelungenes und erfülltes Leben, für reiches Leben ohne Reich, welcher oder welches auch immer, so dass auch du das kennen solltest.

    • alikase99 schreibt:

      Hast Du aber – Dich geäussert. Und danke dafür.

      Ich habe u.a. nicht nur Wilhelm Reich, sondern auch das Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ erwähnt. Leider gehst Du darauf gar nicht ein, denn es deckt sich nicht mit Deiner Annahme.
      Gerade heute – in Zeiten der neuen emotionalen Pest – halte ich Wilhelm Reich wieder hoch und empfehle, ihn zu lesen. Gute Handlungen im Alltag – das sich aufeinander beziehen – und aufeinander Zugehen, gemeinsam etwas anpacken sind/ist auch sehr wichtig.

      Ich hege übrigens keine Aversionen gegen meine Eltern, auch meinem Vater habe ich verziehen. Er war ein Kind seiner Zeit und hatte ebenfalls keine gute Kindheit. Ich bin froh, dass ich den Hass los geworden bin. Es reicht schließlich, dass er meine Kindheit unglücklich machte. Hass macht das ganze weitere Leben unglücklich.

      Was ich geschrieben habe, ist eine Reflexion des Patriachates, das immer noch existent und bedrohlich ist. Es beruht auf Krieg und Raubmord. Das schrieb auch Rosa Luxemburg. Z.B. in „Die Krise der Sozialdemokratie“ heißt es: „Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie. Nicht wenn sie, geleckt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt – als reißende Bestie, als Hexensabbat der Anarchie, als Pesthauch für Kultur und Menschheit –, so zeigt sie sich in ihrer wahren, nackten Gestalt.“

      Und sie hatte, trotz ihres Hüftleidens, an dem sie im Alter von 5 Jahren erkrankte, eine glückliche Kindheit. Im Alter von 10 Jahren allerdings wurde sie Zeugin eines tagelang andauernden Pogroms gegen Juden, das in der Nähe ihres Elternhauses stattfand. Dies wird sie sehr traumatisiert haben. Aber noch traumatischer ist die Gewalt, die Kindern durch ihre primären Bezugspersonen zugefügt wird.

      Dieser Abschnitt aus der Kindheit von Rosa Luxemburg ist sehr berührend: „Ein Jugendfreund Rosas berichtete, dass sie Familie Mangel zu leiden hatte (allerdings ohne zu verbittern, wie er sagte), nicht selten wurde sogar das Bett zum Wucherer gegeben. ‚Ich erinnere mich, wie Rosa erzählte, sie hätte einst mit einem Papierfetzen die Lampe angezündet, später jedoch erwies sich, dass es das letzte Geld im Hause gewesen war, das der Vater mit Mühe erworben hatte; der Alte bestrafte seine Tochter nicht, sondern tröstete sie, nachdem er sich von dem ersten Eindruck erholt hatte, mit Scherzen über das teure Streichhölzchen.‘ “ (siehe: https://kriegsursachen.blogspot.com/2011/12/kindheit-von-rosa-luxemburg.html )

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