Das Drama der Begriffe „Begabung“ und „Selbst(verleugnung)“

Reflexion der Lesung über das Buch „Das wahre ‚Drama des begabten Kindes‘ „

Martin Miller, der Sohn von Alice Miller, arbeitete in dem jetzt erschienen Buch – siehe dazu eine Rezension im Tagesspiegel – sein Verhältnis zu seiner Mutter auf. Ich war gestern auf seiner Lesung im Berliner „Aufbau-Haus“, einem Zentrum der Berliner Kulturschaffenden und Intellektuellen. Die Lesung fand im „TAK“ statt und wurde vom Lesesalon Britta Gansebohm organisiert.

Die Lesung war sehr gut besucht, zahlreiche Gäste fanden keinen Sitzplatz, hörten aber trotzdem der Lesung interessiert zu. Und Martin Miller verstand es, das Auditorium in seinen Bann zu ziehen. Er schilderte sehr facettenreich den historischen Hintergrund der Familie seiner Mutter, die dem europäischen jüdischen Bildungsbürgertum entstammte. Die historische Spurensuche nach dem Sozialisatonsprozess seiner Mutter führte ihn in die USA, um noch lebende Familienangehörige zu befragen.  Ihn faszinierte die Kultur der Familie, die ihm durch das Tabu seiner Mutter bislang verschlossen blieb. Alice Miller war das Kind einer von ihren Großeltern angeordneten Zwangsheirat. Ihr Großvater war ein orthodoxer, chassidischer Rabbi, dessen Sohn Melech die Tradition des orthodoxen Judentums fortsetzte. Dessen Tocher Alicja rebellierte bereits von Kindheit an gegen religiöse und autoritäre Zwänge. Sie muss die Lieblosigkeit zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter gespürt und erfahren haben.

Sie hat darunter gelitten, denn: Wir verdanken den Forschungen von Wilhelm Reich, dass Kinder, die nicht Resultat einer erfüllten Liebesbeziehung sind, von den Eltern nicht wirklich angenommen und geliebt werden. Oftmal kämpfen die Kinder um die Liebe und Anerkennung ihrer Eltern und versuchen, ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Manchmal aber auch rebellieren sie, sondern sich ab und verpanzern sich, d.h. versuchen sich unabhängig von den Zuwendungen bzw. der Kontrolle der Eltern zu machen. Alicja ging den letzteren Weg. Sie weigerte sich, in eine jüdische Schule zu gehen und setzte ihren Willen mit Hartnäckigkeit durch. Sie zog sich zurück und las sehr viel. Damit beschritt sie aber auch den Weg der Rationalität, d.h. sie verließ sich zunehmend mehr auf ihren Verstand statt auf ihr Gefühl. Rational plante sie während des Nationalsozialismus das Entkommen und Untertauchen vor den Nazi-Schergen und musste dabei „ihre Vergangenheit auslöschen“. Sie war dazu gezwungen, eine neue –  nichtjüdische – Identität anzunehmen. Dieser Bruch in ihrer Geschichte war durch den Antisemitismus aufgezwungen, doch sie kehrte auch nach der Zerschlagung des NS nicht in das Judentum zurück – auch nicht in das zunehmend liberale. Es gab auch in Europa keine Rückkehrmöglichkeit, denn es war ausgelöscht. Ausgelöscht war auch die psychoanalytische Gesellschaft, die Sigmund Freud gegründet hatte. Sie musste mit der Psychoanalyse neu beginnen…, wurde aber später Kritikerin der Psychoanalyse.

Das, was Martin Miller im Verhältnis zu seiner Mutter und der Übertragung von Neurosen schildert, ist auch durch ptsd-Studien mehrerer Generationen belegt und es haben sich deshalb auch Selbsthilfegruppen von Nachkommen der Shoah gebildet, die ihre Traumata aufarbeiten. Ich selbst kenne jüdische Familien, in denen die Psychopathologie des NS fortwirkt. Zahlreiche Juden/Jüdinnen wollten sich nicht in Deutschland begraben lassen, denn tatsächlich ist die Gefahr von  Grabschändungen akut. Antisemitismus als Geistes- und Zivilisationskrankheit wirkt auch in der Demokratie fort und bedroht nicht nur Jüd*innen, sondern die Menschlichkeit und die Achtung und Anerkennung des menschlichen Individuums. Genau deshalb sollte der letzte Wille von Alicja/Alice Miller in Bezug auf die Art und Weise ihrer Beisetzung respektiert werden und nicht als Neurose bzw. unbegründete Verfolgungsängste interpretiert werden.

Die Zerstörung von Menschlichkeit und Wissenschaft wurde in Deutschland erst durch kritische Student*innen im Zuge der 1968er Revolution thematisiert und Wissenschaftler, die vor 1933 theoretisch-praktisch aktiv waren, wiederentdeckt. Ich bin ein Kind davon (einer meiner „Ziehväter“ war ein naher Freund von Rudi Dutschke und machte Wilhelm Reich in der Stiudentenbewegung bekannt) und habe mich durch die Bücher von Freud, Breuer, Reich, Malinowski,  Bettelheim sowie Gerda und Otto Rühle über Kindheit und Familie sowie Entwicklungspsychologie sowie Psychoanalyse kundig gemacht. Später entdeckte ich dann Alice Miller, Arno Gruen,  Heinrich Jacoby, Ashley Montagu und dessen Werk „Zum Kind reifen“, sowie den Erziehungswissenschaftler Freerk Huisken. Insbesondere Jacoby destruiert die Un-Begabung, weshalb sein Buch auch „Jenseits von ‚Begabt‘ und ‚Unbegabt'“ heisst. Seinen Forschungen und seinen Experimenten gemäß hat jedes Kind natürliches  Interesse sich zu entwickeln und ist von Natur aus musisch.

Es ist der bürgerliche Staat (=ideeller Gesamtkapitalist), der aussortiert…, jedoch schon im Elternhaus wird oftmals das Interesse der Kinder nicht wahrgenommen und gefördert, sondern gehemmt und abgetötet. Das wirkliche Drama ist dieser Gesellschaft immanent: Es ist die Gesellschaftsstruktur, die aus konkreten Individuen, die sich entfalten wollen, funktionierendes „Humankapital“ für die Wirtschaft machen will. Und ein weiteres Drama kommt hinzu: dazu: Die heutige kapitalistische Gesellschaft braucht seit der 3. technologischen Revolution immer weniger menschliche Arbeitskraft…

In der Diskussionsrunde wollte ich dem Begriff der „Selbstverleugnung“ nachgehen, das von Martin Miller mehrmals zur Interpretation des Verhaltens seiner Mutter benutzt wurde. Woraus besteht das „Selbst“, das ICH eines Menschen? Es ist eine Binse, dass es wesentlich von der Gesellschaft geformt wird. Dies, weil die Gesellschaft zur primären „Natur“ des Menschen wurde. Solange, wie nicht das konkrete Individuum im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses steht, ( d.h. dass eine Gesellschaft sich prioritär dem Wohlbefinden des Menschen widmet) – solange ist die Selbstverleugnung gesellschaftliche Realität. Statt von „Selbstverleugnung“ könnte man auch von „Verdinglichung“, „Entfremdung“ oder „Instrumentalisierung“ sprechen. Es ist also nicht nur „Selbstverleugnung“, wenn ein Mensch zu seiner eigenen Geschichte nicht stehen kann und sie tabuisiert bzw. beschönigt. Und um kurz auf die psychoanalytische Definition einzugehen, die ich oben verlinkt habe: Insbesondere Arno Gruen beschreibt das Trauma der Unterwerfung und den Verrat am Selbst recht anschaulich . Wie und warum der Ver-Lust zu beklagen und aufzuheben ist, dem widmet sich Raoul Vaneigem in „Das Buch der Lüste“ ohne psychoanalytische Termini. Fakt ist, dass sich der Mensch als Natur- und Gattungswesen erst dann wirklich kennenlernen, entfalten und mit sich selbst identisch ist, wenn er nicht mehr der Sachzwanggewalt des kapitalistischen Patriarchates unterworfen ist.

Ich konnte insbesondere nicht akzeptieren/tolerieren, dass Martin Miller nur die DDR als „Staat der Selbstverleugnung“ anprangerte. Der heutige neoliberale kapitalistische Staat, der nur noch die Interessen des Finanzkapitals bedient verleugnet, unterdrückt und bedroht das Leben der globalen Bevölkerung in weitaus schlimmerem Ausmaß, als es die degenerierten Staaten des „Realsozialismus“ je taten. Ich würde eher behaupten: Gäbe es keine „Verleugnung“ (=Nichtanerkennung bzw. Ablehnung) des menschlichen Individuums mehr, wäre der Staat als solcher überflüssig.

Ich hätte deshalb gern mit den Anwesenden den Begriff der „Selbstverleugnung“ kritisch reflektiert, doch dies hätte mentale Arbeit bedeutet und die meisten Anwesenden wollten diesem Angebot nicht folgen, sondern ihren „Feierabend“ genießen und Literatur sowie Familienskandale konsumieren. Mir wurde deshalb ein Maulkorb verpasst. Die autoritäre und undemokratische Form der Moderation, die nur erlaubte, Fragen zu stellen, statt auch Kritik zu äußern, setzte die „Selbstverleugnung“ fort. Warum? Ist Kritik ggf. geschäftsschädigend, da ggf. das Buch kein „Verkaufsschlager“ wird oder weil dann die Eintritt zahlenden Konsumenten wegbleiben könnten? Mit „es dürfen nur Fragen gestellt werden“ wird Kritik, die aber als Triebkraft gesellschaftlicher Entwicklung gilt, schon apriori verboten.

Ich hätte gern mit Martin Miller disputiert – und er ggf. auch mit mir, wie ich nach der Veranstaltung in einem kurzen Dialag mit ihm erfuhr. Doch auch er konnte sich dem „WIR“, das er als „Gruppendynamik“ definierte, nicht entgegen stellen und so blieb unser Selbst „auf der Strecke“ bzw. wurde in der Veranstaltung durch das Diktat der Moderation verleugnet. Umso erfreuter war ich, als ich draußen vor der Tür, nachdem die Veranstaltung offiziell beendet wurde, noch interessant-interessierte Gesprächspartner*innen fand, die meine Kritik teilten.

Postscriptum: Ein Großer Teil dieses Textes war nicht Bestandtteil der Lesung, sondern waren meine persönlichen Gedanken, die mir während der Lesung – insbesondere bei der Schilderung von Alicjas Kindheit seitens Martin Miller – durch den Kopf gingen.

Eine weitere Beschreibung der Lesung findet sich auf der Seite von „kultura-extra“ von Jamal Tuschick.

Ich finde dessen Darstellung sehr oberflächlich, da er sich primär an Äußerlichkeiten abarbeitet, wie z.B. die Beschreibung von Martin Miller: „Er ist massig und wirkt träge.“ Auf mich wirkte M.M. gar nicht träge, sondern sehr dynamisch. Mit der Behauptung massig=träge, die aber allein seine subjektive Wahrnehmung ist, verletzt der Autor bereits im Eingangssatz des ersten Abschnittes seines Artikels die journalistische Sorgfalt. Hätte er geschrieben: „Auf mich wirkt er aufgrund seiner massigen Gestalt träge“, dann hätte jeder gewusst, dass es sich dabei um seine persönliche, subjektive Wahrnehmung handelt. So aber wirkt der Satz als generelle Zuschreibung, die von allen Anwesenden so geteilt wurde, als unumstößliche Behauptung. Daran aber können wir erkennen, wie mit Sprache und Vulgäraxiomatik (massig=träge) manipuliert wird. Insbesondere die Aussage: „Ein paar Entgleiste fallen auf“ veranlassen mich zur Adaption eines sinnigen Spruches zu greifen und ihn zu fragen: „Sind Sie unheilbar gesund?“ = „Können Sie das Leben und vollen Zügen genießen?“ (1) Außerdem: Wären Wesen und Erscheinungsform identisch, dann würde man keine wissenschaftliche Forschung in Bezug auf Schein und Sein mehr benötigen. Dies gehört zum Allgemeinwissen und Grundlage der Erkenntnistheorie, Soziologie und kritischen Philosophie. Würde die Gesellschaft gemäß der Methode des Herrn Tuschick funktionieren, dann hätte es Alice Miller als Forscherin niemals gegeben.

(1) Vor dem Hintergrund des Sozialitätsprozesses von Alice Miller, die innerfamiliär zunächst einen Säkularisierungsprozess durchmacht, jedoch dann vom NS-Staat dazu gezwungen wurde, selbst die Wurzeln ihrer jüdischen Identität auszulöschen sowie dem Massenmord am europäischen Judentum von „Entgleisten“ zu sprechen, ist mehr als ein fauxpas: Diese Denke und Reflexionsunvermögen sowie Empathielosigkeit zeigt auf, dass der Autor dieser Zeilen so weit denken und fühlen kann, wie ein Schwein scheißt.

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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2 Antworten zu Das Drama der Begriffe „Begabung“ und „Selbst(verleugnung)“

  1. Hans Guno schreibt:

    Vielen Dank für diese (und eine der WENIGEN Reflektionen im Netz)!

    Hier spricht Martin Miller zu seinem Buch: Das wahre „Drama des begabten Kindes“. Die Tragödie Alice Millers. Wie verdrängte Kriegstraumata in der Familie wirken.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1994584/Martin-Miller-auf-dem-blauen-Sofa#/beitrag/video/1994584/Martin-Miller-auf-dem-blauen-Sofa

    Ich habe eine Gruppe gegründet und würde mich über den Austausch zu dem Buch wie auch zu den Büchern von Alice Miller mit anderen Interessierten sehr freuen.

    https://www.facebook.com/groups/488752271144967/

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