Für einen – sich ausweitenden – „Aufstand der Schmetterlinge“

Ich hörte durch den ezidischen FrauenRat von einem „Aufstand der Schmetterlinge“ und vertiefte mich in das Thema. Die Metapher war mir sofort sympathisch. Dies, wegen folgender Begebenheit: Während des „Aufstandes der Anständigen“ wurde geraten, jede rechtsradikale Bedrohung bei der Polizei anzuzeigen. Ich wohnte damals in Berlin im Stadtteil Neukölln und war mit einem Menschen aus Afrika verheiratet. Dementsprechend bekamen wir öfter Besuch von afrikanischen Freund*innen. In dem Haus in dem ich wohnte, war ich mit einigen Mieter*innen befreundet, mit anderen nicht. Eine der befreundeten Nachbar*innen kam eines Tages auf mich zu und warnte mich davor, dass ein rechtsradikaler Mann aus der weiteren Nachbarschaft ihr gesagt habe, dass er bald „einen der Bimbos“ aus unserem Haus „umlegen“ würde, womit zweifelsfrei wir gemeint waren. Sie ging oft mit ihrer Hündin spazieren und lernte dabei viele weitere Nachbar*innen mit Hunden kennen. Sie sagte mir: „Pass auf, dieser Mann ist wirklich gefährlich. Er ist einschlägig wegen gefährlicher Körperverletzung vorbestraft und saß deshalb bereits im Gefängnis.“ Dies machte mir Angst und ich ging darauf hin zur Polizei und zeigte ihn an. Ich gab auch den Namen meiner Nachbarin an – sie war damit einverstanden – damit sie dies bezeugte und weitere Hinweise auf den Mann geben konnte.

Doch es passierte nichts. Sie wurde nicht vorgeladen, aber mir wurde ein Schreiben zugeschickt, dass ich zum „sozialpsychiatrischen Dienst“ zwecks „amtlicher Begutachtung“ vorsprechen solle. Ich verstand dies nicht, aber meldete mich dort und fragte nach. Der Leiter sagte mir, dass die Polizei dies veranlasst hätte. Er machte einen sympathischen Eindruck auf mich und ich erzählte ihm dann den Hintergrund und teilte ihm auch mit, dass ich ggf. bei dem Besuch auf der Polizeiwache etwas unkonzentriert und etwas panisch gewirkt habe. Er stimmte mir zu, dass meine gestörte emotionale Disposition („seelisches Gleichgewicht“) unter solchen Umständen durchaus nachvollziehbar war. Später fertigte er das gewünschte Gutachten an, worin stand, dass bei mir keine gravierenden Psychopathologien diagnostizierbar seien. Er sagte noch zu mir: „Ich kann mir vorstellen, dass Sie auf einen bestimmten Menschentypus wie ein schöner, bunter Schmetterling wirken, den sie – um ihn sich anschauen zu können – am Weiterfliegen- und -flattern hindern müssen. Um ihm habhaft zu werden und um ihn sich in Ruhe anzuschauen, müssen sie ihn töten und aufspießen.“ Ich musste – trotz der in seiner Aussage liegenden Grausamkeit – lachen, denn tatsächlich hatte und habe ich immer Ärger mit den „Spießbürgern“ und oftmals verhalten diese sich lächerlich oder geben eine erbarmungswürdig-lächerliche Gestalt ab. Wer kennt diese manischen Schmetterlingsjäger oder -sammler (die auch Lepidopterologen genannt werden) aus Bilder oder Filmen nicht? Wie sie mit einem Netz hinter einem Schmetterling herhechten? Diese kamen mir immer so vor, als ob sie in ein Guiness-Buch der Rekorde kommen wollen, das dann in etwa so angelegt wäre, wie: Wer schafft in möglichst kurzer Zeit die meisten Schmetterlinge zu fangen? Oder eine gräuslich-armselige Wahrnehmung taucht gerade in meiner Erinnerung auf: Wie sie ihre Sammlung anlegen: Schmetterling für Schmetterling aufgespießt auf einer Nadel – und ordentlich in Reih‘ und Glied – in einem Glaskasten präsentiert? Gerade fällt mir beim Stöbern in Wikipedia noch auf: Es gibt unter/zwischen diesen – euphemistisch als „Forscher“ bezeichneten – fast ausschließlich männlichen Gestalten auch eine SIE*, d.h.  eine berühmte Lepterolog*in! Ob sie eine eher lächerliche Jäger*in, Sammler*in oder Forscher*in war, weiß ich nicht, denn ich habe ihre Bücher nicht gelesen. Zumindest das Lieben scheint sie nicht verlernt zu haben, heißt doch ihr letztes Buch: „Butterflies and Late Loves: The Further Travels and Adventures of a Victorian Lady„.  Ich neige dazu, sie sympathisch zu finden und sie eher unter „Forscher*in“ und „Künstler*in“ denn „Jäger*in“ zu schubladisieren, was zweifellos noch ein Vorurteil ist.

Doch zurück zur Lächerlichkeit: Keinesfalls deutet folgende fragende Reflexion auf einen lächerlichen Hintergrund: Kommt nicht das Unwort „Dönermord“ auch aus dem Hirn eines „Spießbürgers“, der u.a. auch „Kartoffeldeutscher“ genannt wurde und wird? Wie dem auch sei: Deutschtürkische Nachbar*innen haben mir sarkastisch nach dem Auffliegen des NSU und nachdem sie erfuhren, wie rassistisch die deutschen Polizeibehörden ermittelten, gesagt, dass sie nur noch mit Dönerspieß bewaffnet an deutsch-deutschen „Parallelkulturveranstaltungen“ teilnehmen würden. Erstere würde ich jedoch nie und nimmer in die Nähe eines Verdachts des „Spießgesellentums“ stellen, sondern ich teilte ihren Sarkasmus voll und ganz!

Doch nun: Hinfort mit den Spießen, den Ungesellschafte(r)n und ihren Bürge(r)n:

In einem Buch aus der Bibliothek eines Freundes fand ich in Bezug auf einen Schmetterling folgende Beobachtung:

„Vor einigen Jahren, auf meiner zweiten Reise auf die indonesische Insel Bali, war ich in einem Dorf tief im Landesinneren. Im Hof eines alten Hindu-Tempels begegnete ich einer Gruppe kleiner Mädchen. Sie sahen mich nicht und achteten auch nicht auf einen weißen Storch, der oberhalb der Palmwedel durch den niedrigen Himmel flog – oder vielmehr zu schwimmen schien.
Eines der Mädchen – mir braunem Gesicht, glänzend braunen Augen und getüpfeltem Kleid – kroch an einen untertassengroßen Schmetterling heran und schloss vorsichtig die Hände darum. Ein anderes Mädchen drehte ein Stück Faden zu einer Art Zaumzeug, das sie dem Schmetterling atemlos über Flügel und Leib zogen. Langsam ließen sie den Faden nach; der Schmetterling flog auf und kreiste über ihren schönen Köpfen. Außer der Konzentration der Mädchen beeindruckte mich am meisten ihre Achtung vor dem zerbrechlichen Geschöpf, das sie manipulierten. Als es Zeichen der Ermüdung aufwies, zogen sie es herunter, entfernten den Faden und setzten es auf eine gelbe Hibiskusblüte. Innerhalb von Sekunden schlug der zitternde Schmetterling mit dem Flügeln, zuerst schwach, dann mit plötzlicher Überzeugung, und flog unverletzt fort.“ (1)

Dies zeigt auf, dass es ein Jenseits des „Spießbürgers“ gibt: Menschen, die Lebewesen achten. Zwar könnte man einwenden, dass ein lebendiger Schmetterling kein Spielzeug ist, aber in allen Ländern auf diesem Planeten spielen Kinder gern mit Tieren. Aber gut es natürlich, wenn sie ihnen nicht schaden, sondern auf deren Wohlergehen achten, wie dies die eben beschriebenen Mädchen mit dem Schmetterling machten. Wären alle Menschen so, dann wäre ein „Aufstand der Schmetterlinge“ nicht notwendig. Aber leider ist die gegenwärtige Realität eine andere. Die „Spießbürger“ nehmen gerade sowohl an QUALität wie Quantität wieder zu und wetzen ihre Spieße. Dies zeigt aber auf, wie notwendig der „Aufstand der Schmetterlinge“ – zusammen mit den „Freund*innen der Schmetterlinge“ – ist. Er sollte vom Charakter dieser Mädchen von Bali und deren Achtung vor dem Leben/den Lebe-Wesen und der Natur getragen sein.

Dies eben deshalb, weil wir nicht vergessen dürfen, dass der Mensch nicht nur Gesellschafts- sondern auch ein Naturwesen ist.

(1)  In Bali scheinen Schmetterlinge – da sie als Touristenattraktion gelten – geschützter zu sein als in Deutschland. Hier – so heißt es in Wikipedia – sind 50 % aller Schmetterlingsarten nicht gefährdet, 2 % sind bereits ausgestorben oder verschollen. Ich vergleiche dies gerade mit den „Schmetterlingsfrauen“, also denen, die sich nach Freiheit und Selbstbestimmung sehnen. Sind nicht auch sie, bzw. WIR, ebenfalls stark gefährdet?

 

 

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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