Frauen*selbstbestimmung?

selbstbestimmung

Original picture from wikimedia: File:Kurdish_YPG_Fighter_(16625309233).jpg and I’ve created the „Butterfly-Fighter“ in solidarity with these women

Trotz des kritischen Artikels Rojava: Realität und Rhetorik im Kommunisierungs-Netzwerk, in dem auch der Mythos der bewaffneten Frauen* als „selbst bestimmte“ und menschliche Wesen geknackt wird, habe ich mich entschieden, mit den dort kämpfenden Frauen* solidarisch zu sein. Dies ganz einfach deshalb, weil es im Nahen Osten eine der – auch in Bezug auf Gendergleichheit – fortschrittlichsten Bewegungen ist UND weil sie – verglichen mit ISIS/Daesh – eine annehmbare Alternative ist. Mit aus diesem Grund haben viele derer, die 1941 keine weitere Alternative zwischen der stalinistischen Roten Armee und dem NS-Wucher-Staat Deutschland („3. Reich“) sahen, auch die KPdSU in ihrem Kampf unterstützt. Und es ist wichtig, eine kritische Solidarität zu leisten. Freilich ist auch Kritik an den Mythen und der Rhetorik „kritische Solidarität“. Viel schlimmer als Kritik ist schließlich die Gleichgültigkeit. Und diese kann mensch der Autor*in keinesfalls vorwerfen. Er schreibt auch recht objektiv:

„Die vermutlich am häufigsten festgestellte Veränderung betrifft das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Gemischte Schulen sind die Norm. Die Frauen bleiben nicht mehr den ganzen Tag zu Hause. Versammlungen weisen eine Frauenbeteiligung von mindestens 40% auf. Alle Gremien sind weiblich und männlich geleitet. Eine Weltsicht der Frauen wird ermutigt, und sogar ein neues Wissensfeld, die Jinologie („Wissenschaft der Frauen“). Obwohl der Feminismus in der kurdischen Frauenbewegung schon lange stark war, sind diese Veränderungen im Mittleren Osten beträchtlich, und in gewissen Bereichen scheint die Gleichheit der Geschlechter in Rojava weiter fortgeschritten als in Europa.“

Aber auch:

Frauen mit Gewehren

„Ändern wir für einen Moment Namen und Daten…Ein grosser Teil des Lobes für Rojava heute, besonders von dem, was als radikale Kritik an Geschlechterrollen betrachtet wird, könnte in den 1930er Jahren von Beobachtern des brüderlichen und egalitären Lebens der Pioniere in kleinen zionistischen Gemeinschaften in Palästina verfasst worden sein. Damals fiel den Besuchern und Unterstützern ebenfalls die äusserst neue Rolle der Frauen ins Auge.

In den frühen Kibbuzen war die Geschlechtergleichheit nicht nur ein Resultat der progressiven und sozialistischen Ideen. Materielle Notwendigkeiten (Landwirtschaft und Selbstverteidigung) zwangen eine stark unter Druck stehende Gemeinschaft, nicht auf die Hälfte der Arbeits- oder bewaffneten Kräfte zu verzichten. Damit Frauen ihren Anteil an den landwirtschaftlichen und militärischen Tätigkeiten haben konnten, mussten sie von ihren „weiblichen“ Pflichten befreit werden, die Kinder wurden also kollektiv erzogen, was für viele neu und für einige schockierend war.

Es gibt keine Anzeichen dafür in Rojava. Soldatinnen bedeuten nicht das Ende der Männerherrschaft (wenn dem so wäre, wäre Israel eines der Länder mit der grössten Gleichberechtigung der Geschlechter in der Welt). Baher, ein Verfechter der Sache der „Revolution“ in Rojava schreibt zuerst, dass „vollständige Gleichheit zwischen Frauen und Männern“ bestehe, nur um eine halbe Seite weiter unten anzufügen: „Ich habe nicht eine Frau gesehen, die in einem Geschäft, einem Markt, Café oder Restaurant gearbeitet hätte.“ In den „selbstverwalteten“ Flüchtlingslagern auf der anderen Seite der Grenze in der Türkei kümmern sich die kurdischen Frauen um die Kinder, während die Männer nach Gelegenheitsjobs suchen.

Der subversive Charakter einer Bewegung oder Organisation kann nicht anhand des Anteils bewaffneter Frauen gemessen werden. Auch nicht ihr feministischer Charakter. Seit den 1960er Jahren benutzten oder benutzen viele Guerillas eine grosse Anzahl von Kämpferinnen, in Kolumbien zum Beispiel. 25% der sandinistischen Truppen waren Frauen, was nicht zur Frauenbefreiung führte: Abtreibung ist heutzutage in Nicaragua total illegal. Frauenpräsenz ist eine typische Eigenschaft der maoistischen Guerilla. In Nepal, Peru und den Philippinen erfordert die Strategie eines langwierigen Volkskrieges Aufrufe zur Gleichheit von Männern und Frauen als ein Mittel, um traditionelle (familiäre, feudale oder Stammes-), seit jeher patriarchale Verbindungen zu demontieren. Das Ziel ist nicht die Emanzipation der Frauen, sondern die Ersetzung der Herrschaft der Dorfältesten mit jener der Parteikader. Die wichtige Rolle der Frauen in der PKK-PYD liegt weniger am feministischen Einfluss als am maoistischen Ursprung der Partei.

Wieso wird eine bewaffnete Frau so einfach als Befreiungssymbol wahrgenommen, sogar ungeachtet dessen, wofür sie kämpft?

Das Bild einer Frau mit Raketenwerfer kann es auf die Titelseite westlicher Boulevardzeitungen oder radikaler Magazine schaffen, weil es den (häufig deklinierten) Mythos des angeborenen, friedlichen oder passiven weiblichen Wesens zerstört. Das Recht auf Waffengebrauch (sogar bezüglich Jagdwaffen) war lange ein männliches Privileg, deshalb wird die Umkehr dieser Tradition als Beweis der Aussergewöhnlichkeit oder Radikalität einer Bewegung betrachtet. Der stereotype Macho-Held vermittelt ein unangenehmes Bild, die romantisierte weibliche Freiheitskämpferin ein positives. Anti-Militaristen stören sich nicht so stark an einem Bürgerkrieg, wenn Frauen an die Front gehen. Die Kämpferin ist die Erlöserin des bewaffneten Kampfes: Die Revolution erwächst aus dem Gewehrlauf einer von einer Frau getragenen Kalaschnikow. Ganz zu schweigen von der Figur der Rächerin, welche die Waffe für eine gute Sache trägt, zur Erschiessung von Sexisten und Vergewaltigern: Die Selbstjustiz wird ebenfalls rehabilitiert, wenn sie in Frauenhänden liegt, wie in Abel Ferraras Ms. 45, ein Film über Rache an Vergewaltigern von 1981.

Wie eurozentristisch das doch alles ist. In vielen Teilen der Welt waren und sind Soldatinnen immer noch ziemlich verbreitet, manchmal in Kampfrollen und Elitetruppen. Ein russisches Frauenbataillon bewachte den Winterpalast im Oktober 1917. Im Zweiten Weltkrieg hatte die Rote Armee Panzerfahrerinnen, Scharfschützinnen usw. Frauen mit Gewehren sind nur für das westliche Bewusstsein eine Kuriosität.

Fügen wir noch an, dass die Armee Assads und ISIS auch einige rein weibliche Kampfeinheiten haben. Doch da sie, im Gegensatz zu den Kurden, die Kritik der Geschlechterrollen nicht kennen, werden dort Frauen nicht an der Front eingesetzt, nur in Polizei- und Unterstützungsaufgaben.“

Es lohnt sich wirklich, den gesamten Artikel zu lesen:

http://www.kommunisierung.net/Rojava-Realitat-und-Rhetorik

Was noch hinzukommt, ist die Tatsache, dass die kurdischen Kämpfer*innen in Bezug auf das, was Kapital und Kapitalismus genannt wird und erst recht von der Kritik der politischen Ökonomie nichts wissen. Sie wurden darin nicht geschult und haben dazu nichts gelesen. Auch die Führungspersönlichkeiten nicht. Obwohl „das Kapital“ auch in der türkischen Sprache vorliegt. Dies sieht mensch an der Beschreibung des Kapitalismus (und so betitelt er das 9. Kapitel in seinem Booklet) von Abdullah Öcalan:

Aus: "Die Revolution der Frau" von Abdullah Öcalan

Aus: „Die Revolution der Frau“ von Abdullah Öcalan

An anderer Stelle, auf der gleichen Seite, reduziert er Kapitalismus personifizierend auf „Makler und Wucherer“, obwohl es doch zweifellos feststeht, dass Kapital ein gesellschaftliches Verhältnis ist, das alle Bereiche des Lebens einsaugt und die Menschen in Konkurrenz zuneinander setzt und sie entfremdet. Auch die lebendige Arbeitskrafbnt wird zu Kapital, dem „variablen“ Kapital, was einige heute auch „Humankapital“ nennen. Das Zentrum der Kapitalakkumulation bildet das fungierende und produzierende Kapital, was sich in zwei Sektoren unterteilt: Produktion von Produktionsmitteln/Maschinen und Produktion von Konsumtionsmitteln. Genau darin wird der Mehrwert geschaffen, der sich auf Markt in Profit verwandelt. Außerdem gibt es noch das Grund-und-Bodenkapital, die Grundrente beziehen sowie das Finanzkapital, dass dem fungierenden Kapital Geld für großere Investitionen leiht und dafür Zinsen auf das geliehene Kapital erhebt.

Der gesamte Dumpfquark und Dünnpfiff von Öcalan kann hier ab S. 46 nachgelesen werden.

Was Kapital und Kapitalismus sind und wie sich dieser aufgrund von Akkumulationszwängen zum Imperialismus entwickelt, lässt sich bei Karl Marx im „Kapital“ nachlesen. Dies bedeutet, dass es Privateigentum an Produktionsmitteln und einen Expropriationsprozess („Landgrabbing“) gab und gibt, der Kleinbauern von ihrer Scholle befreit und sie zu „freien“ Lohnarbeiter*innen macht. Aus Gütern wurden und werden Waren und die Arbeitskraft nimmt ebenfalls Warenform an. Das bedeutet, dass die eigentumslose Arbeiter*in dazu gezwungen wurde und ist, ihre Arbeitskraft zur Ware zu machen und gegen Arbeitslohn zu verkaufen. Der Arbeitslohn enthält ihre gesellschaftlichen Reproduktionskosten. Die Lohnarbeiter*in wird aber dazu gezwungen, Mehrarbeit zu leisten. D.h. sie arbeitet ca. 6 Std. für ihre Reproduktion (sie muss ja ihre Lebensmittel nun auf dem Markt als Waren kaufen) und 4 Std. für den Eigentümer, der sich die Arbeitsprodukte der zusätzlichen 4 Stunden als Mehrwert aneignet. Die historische Entwicklung des Expropriationsprozesses lässt sich im Kapitel „Die ursprüngliche Akkumulation“ von den MEW’s 23 nachlesen.

In Bezug auf die vorkapitalistisch produzierenden Gesellschaftsformen hatte Karl Marx einen ausgedehnten Briefwechsel mit Vera Sassulitsch in Bezug auf das russische MIR und auch Friedrich Engels thematierte dies in „Soziales aus Rußland„. Ich persönlich halte den Briefwechsel und die Überlegungen von Karl Marx für relevanter, eröffnete sich doch zu Beginn des Briefwechsels mit der russischen Anarchistin die Möglichkeit, dass infolge einer Arbeiter*innen-Revolution in Europa, das russische MIR, in dem er „urkommunistische“ Charakteristika fand, in eine größere kommunistische Bewegung mit aufzunehmen. Diese aber muss, so fand die wissenschaftliche Kritik der politischen Ökonomie heraus, ihren Ausgangspunkt von den Zonen des Globus mit hochentwickelten Produktivkräften ausgehen.

Die kurdische Gesellschaft sollte sich also davon abwenden, Privateigentum an Produktionsmitteln sowie Lohnarbeit, Warenwirtschaft etc. einzuführen. Dies insbesondere deshalb, weil der heutige Niedergang des Kapitalismus immer mehr Länder zu Weltproduktions- und -marktverlierern macht. Dies aber liegt an der tiefen Akkumulationskrise, die dieses Jahr auch die USA sowie einige Länder Europas kalt erwischen wird und damit die militärische Neuaufteilung um Märkte und Rohstoffe sowie die Beseitigung der Weltmarkt- und -machtkonkurrenz (Hegemonie) zwischen den hochkapitalistischen/imperialistischen Ländern umso aggressiver gestalten wird.

Um die globale Arbeiter*innenschaft (die Proletarisierten/Expropriierten und Prekarisierten) zu motivieren, ebenfalls für eine gute Zukunft zu kämpfen, wäre es sehr von Vorteil, wenn die Kurd*innen tatsächlich den Weg einer egalitären Gesellschaft ohne Diktatur des Privateigentums und Kapitalakkumulation sowie der Ware-Geld-Beziehung versuchen zu beschreiten. Dies könnte neue Solidarisierungseffekte insbesondere zum Wiederaufbau der zerstörten Dörfer und Städte  – auch für die Ezid*innen – mit sich bringen.

Vordringlich sollten wir darum kämpfen, dass die Verfolgung kurdischer Aktivist*innen schnellstens aufhört und das Damoklesschwert des §129b nicht mehr über ihnen schwebt. Dann könnte unbefangener miteinander diskutiert und gemeinsame solidarische Aktivitäten auf repressionsfreiem Level organisiert werden. Im Grunde, stehen sie dem, was „europäische Werte“ genannt werden, wesentlich näher als die türkische AKP und dessen rechtsterroristischer – verlängerter – Arm in Deutschland.

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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