(update) Gesundheit und gesunde Lebensverhältnisse für alle!

Nichtwillkommensunkultur zeigt sich insbesondere in den NUKs

Die Nichtwillkommensunkultur zeigt sich insbesondere in den Notunterkünften

Ich bin letzte Woche mit einer leidvollen Geschichte konfrontiert worden, die mich zugleich traurig und wütend macht. Es geht um eine junge Mutter, die drei süße Kinder im Alter von sechs bis zwei Jahren hat. Sie hat Krebs im fortgeschrittenen Stadium und muss eine Chemotherapie machen. Fida* ist eine der geflüchteten Menschen aus Syrien, einem Land in dem kürzlich noch viele Krankenhäuser bombardiert wurden. Wie viele andere ist sie vor dem Krieg geflüchtet, damit ihre Kinder in Sicherheit aufwachsen können. Sie liebt ihre Kinder sehr. Höchstwahrscheinlich hat der Krieg auch die Krankheit Krebs ausgelöst. Sie leidet jedoch nicht nur unter Krebs, sondern auch unter sehr schlechten existenziellen „Unterbringungs“verhältnissen in Berlin, die sie nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie wohnte bis zum letzten Montag mehrere Wochen lang mit mehr als 200 Menschen in einer Turnhalle im Wedding, in der es ständig Lärm und keine Privatsphäre gibt. Insbesondere Freitags nach der Chemo ist sie sehr erschöpft und braucht dringend Ruhe. Doch das einzige, was ihr der Betreiber anbot, war: Sie könne ja im Kinderzimmer (der einzige Raum, der den Kindern in der Einrichtung zur Verfügung steht) schlafen und für sich selbst nutzen. Da sie selbst drei kleine Kinder hat, wollte sie den Raum unmöglich den Kindern wegnehmen, um ihn für sich selbst zu beanspruchen. Die Situation in der Notunterkunft gefährdete die Therapie und verschlimmerte ihre Krankheit.

Deshalb konnte dies von mir als Menschenrechtlerin nicht hingenommen werden. Zunächst einmal recherchierte ich und suchte nach Dolmetscher*innen mit Medizinkenntnissen, damit ich ein Gespräch f2f mit dem syrischen Ehepaar führen konnte. Dies gelang mir und am Freitag, den 19. Februar, als ich der Chemotherapie in der Charité beiwohnte, hatte ich sogar bereits zwei Dolmetscher*innen, worüber das medizinische Team und insbesondere die Frau, die die Anamnese und Diagnostik zur Einleitung der Chemo machte, sehr dankbar war. Allerdings war auch sie darüber entsetzt, dass sich der Gesundheitszustand der Frau seit der Entlassung aus stationärer Behandlung verschlechtert hatte. Sie sagte zu Fida, dass deshalb die Chemotherpie unterbrochen werden müsse, dass sie darüber aber noch mit dem Arzt sprechen wolle bzw. dieser sie untersuchen würde.

Zum Betreiber der NUK Wiesenstr. 57:

Der Betreiber der Turnhallen-Notunterkunft in der Wiesenstr. 57, die BTB-Bildungszentrum GmbH wäre dazu verpflichtet gewesen, sich für diese Frau einzusetzen, tat dies aber nicht. Trotzdem diese Einrichtung vom LaGeSo Geld für Fachpersonal bekommt, stellte sie dies bislang nicht ein! Für die Kinder in der Halle gibt es z.B. noch nicht einmal einen Erzieher oder eine Erzieherin und auch keine*n Sozialarbeiter*in.. Und es wurde auch nicht danach gesucht. Weder auf ihrer eigenen homepage, noch bei „Berlin hilft“ lag ein Stellengesuch vor. Es wurde auch nicht nach ehrenamtlichen Helfer*innen gesucht. Weder im volunteer-planner, noch via „Wedding hilft“ wurde nach ehrenamtlichen Betreuer*innen für die Kinder gesucht. Dies wirkte sich besonders schlimm für die Tage der Krankenhausbesuche Mittwochs und Freitags aus, denn die drei kleinen Kinder von Fida und Achmed* hätten entweder mit in das Krankenhaus  geschleppt werden müssen, oder Fida hätte allein die Busfahrt in das Krankenhaus hin- und zurück antreten müssen. Der einzige, der sich für die krebskranke Frau einsetzte, war Rahul, ein arabisch-englischsprechender Jungmediziner. Er entlastete Fida und Achmed, wo und wann er nur konnte und versuchte ihnen zu helfen. Aber Achmed musste jeweils Mittwochs und Montags seine kranke Frau auf dem Weg in das Krankenhaus begleiten, dort abliefern und dann wieder zurück fahren, um sich um die drei kleinen Kinder zu kümmern. Ich habe dies selbst am Freitag erlebt. Kaum waren wir im Krankenhaus, klingelte das Telefon und ihm wurde mitgeteilt, dass er schnellstens zurückkommen müsse, um die Kinder zu beaufsichtigen. Dies, obwohl er noch dringend mit der Ärzt*in über die letzten Untersuchungsergebnisse sprechen wollte.

Ein Skandal ist auch, dass seitens des Betreibers am Donnerstag Druck auf Rahul ausgeübt wurde, der mein Gespräch mit Fida und Achmed am Mittwoch dolmetschte. Ihm wurde vorgeworfen, Lügen verbreitet zu haben und ihm wurde damit gedroht, dass sein Asylverfahren nicht anerkannt und er deportiert werden würde. Er hatte dann Angst, dass ich etwas falsch verstanden hätte bzw. meine Englischkenntnisse für das Gespräch nicht ausreichend genug waren und ließ sich meine „Bestandsaufnahme“ zeigen. Alles was darin über die Zustände in der Wiesenstr. 57 beschrieben wurde bzw. das, was Achmed mir erzählt hatte und was Rahul übersetzt hatte, stimmte. Insofern bin ich sehr froh darüber, dass mir kein Fehler unterlaufen war, der sich negativ gegen Rahul auswirken konnte. Ich bin jeder Zeit dazu bereit, für ihn auszusagen. Er hat sich sehr um die Familie bemüht und sich um Fidas Zustand gesorgt. Er sagte in einem Gespräch nach meinem Besuch in der NUK mit traurigen Augen zu mir: „Hätte ich eine Wohnung, ich würde sie sofort Fida, den Kindern und ihrem Ehemann geben und dann irgendwo auf der Straße leben. Sie hat wahrscheinlich keine lange Lebenszeit mehr. Umso wichtiger ist es für sie und ihre Kinder sowie ihren Mann, diese kostbar wenige Zeit noch so gut wie es geht miteinander zu verbringen.“ Und ich bin mir sicher, dass er wirklich so handeln würde, denn er sagte noch, dass die Obdachlosigkeit seine Gesundheit weniger bedrohen würde, als die Zustände in der NUK Fidas Leben. Damit ist er ein Mensch, der als Geflüchteter die humanitären Prinzipien des deutschen Grundgesetzes mehr beachtet als die Betreiber der NUK.

In der Charitè, Abtlg. gynonkologische Ambulanz

Achmed bat mich am Freitag morgen darum, noch schnell mit dem Chefarzt der Gynonkologie zu sprechen, bevor er wieder in die NUK zu seinen Kindern aufbrechen musste.  Auf der gynonkologischen Station angekommen, traf ich gleich auf eines der Mädchen, denen ich mich früher über einen längeren Zeitraum in einem Berliner Jugendprojekt gewidmet hatte. Freitags hatte ich mit ihnen immer etwas gebacken und die Mädchen konnten die fertigen Backresultate dann mit in ihre Familien nehmen. Dabei hatten wir sehr intensive und interessante Gespräche. Ich freute mich sehr darüber, sie dort als junge Krankenschwester zu sehen und mir schien es so, als ob es ihr sehr gut geht. Sie machte sich sofort auf die Suche nach dem Arzt, der dann auch die gerade anstehende Visite kurz unterbrach und sich uns widmete. Die letzten Untersuchungsergebnisse von Fida kannte er nicht und er hatte die Akte an einen Kollegen der Ambulanz weitergegeben. Doch anstatt uns kurz abzufertigen, fragte er mich noch, warum ich mich der Geschichte widmen würde. Ich sagte ihm, dass ich Helferin im Netzwerk „Berlin hilft“ bin und deshalb aktiv für die Familie sei. „Aha also eine Kollegin“, sagte er und kopfte mir freundlich auf die Schulter. „Ich mache das auch in meiner Freizeit“, fuhr er fort… „und es ist gar nicht so einfach, denn die arabischen Patienten sind nie pünktlich und einige erscheinen sogar mit leichtem Husten und wollen nur ein Schwätzchen mit mir halten oder mich zum Hausmeister ernennen.“ Ich widersprach in Bezug zur Unpünktlichkeit, denn  die beiden arabischen Dolmetscher*innen waren superpünktliche am Start gewesen, während ich 5 Minuten zu spät zum verabredeten Termin um 8:55 erschienen war. Er bedankte sich zum Abschied noch herzlich für mein Engagement und setzte seine Visite fort. Die junge Krankenschwester, die früher in meiner Mädchengruppe war, übersetzte Achmed schnell noch, dass die Ärt*innen der Ambulanz jetzt für Fida zuständig seien bzw. sie weiterbehandeln würden und ihnen die Untersuchungsergebnisse vorliegen würden. Anschließend gingen wir wieder in die Ambulanz zur dort auf die Voruntersuchung wartenden Fida zurück. Achmed wollte mit einem der Ärzt*innen sprechen, doch dies war nicht möglich, weil es diesen Freitag ungeheuer voll war und wir erst für März eine Sprechstunde vereinbaren konnten. So musste Achmed ohne die letzten Untersuchungsergebnisse erfahren zu haben, wieder in die NUK zu seinen drei kleinen Kindern, während ich mich wieder neben Fida in den Flur der Ambulanz setzte, wo ich noch nette Kommunikation hatte.

Dieser Härtefall zeigt auf, mit welch abscheulichen und Menschen verachtenden Methoden hier Profit auf Kosten von geflüchteten Hilfsbedürftigen erzielt wird. Dieser Skandal wurde dem LaGeSo (Qualitätssicherung Flüchtlingsunterkünfte) gemeldet und dann mit Dringlichkeit eine neue und bessere Unterbringungstätte gesucht, die ihrem krankheitsbedingten Zustand angemessen ist.

Der Gesundheitszustand von Fida war am letzten Freitag so schlecht, dass die Chemo unterbrochen werden musste!

Darüber hinaus bin ich empört darüber, wie letzte Woche über die Situation der Gesundheitsversorgung berichtet wurde. Es wurde so getan, als ob Geflüchtete und HartzIV-Bezieher*innen für etwaige finanzielle Defizite im Gesundheitswesen verantwortlich seien. Dies ist keinesfalls der Fall, denn die Kosten in der Gesundheitsversorgung werden 15 Monate lang direkt vom Staat bezahlt und erst danach von der Kassenunsolidargemeinschaft.** Ferner wird bereits seit etlichen Jahren durch Gruppen der „Medizin für Flüchtlinge“ ehrenamtlich-kostenlose Hilfe geleistet. Siehe dazu auch hier sowie bundesweit hier.

Ich bitte auch darum, folgende Petition zu unterstützen: Einführung einer anonymen Gesundheitskarte

Denn ist es doch so, dass der neoliberale Umbau des Staates zugunsten der Banken und Reichen sowie insbesondere durch die Aufrüstung und Zunahme des Verteidigungs- bzw. Kriegs- und „Sicherheitsapparates“ die wirkliche Gefahr für das Sozial-und Gesundheitssystem darstellt. Die Gesundheitsversorgung, hat sich bereits durch die „Agenda 2010“ sehr verschlechtert. Auch die Arbeitsbedingungen im Gesundheitssektor sind für viele der darin Beschäftigten kaum noch erträglich.

Ich würde deshalb gern eine Gruppe aufbauen, die dies untersucht und aktiv dagegen vorgeht. Wenn Du Interesse hast, darin mitzuwirken, würde ich Dich gern dazu WILLKOMMEN heißen.

Eine gute Nachricht noch am Ende: Ich bin sehr erleichtert darüber, dass es uns gelang, Fida, Achmed und ihren drei süßen, kleinen Kindern unter Mithilfe des Berliner Flüchtlingsrates und durch Intervention von Frau Tomaske (LaGeSo) beim Betreiber der NUK Wiesenstr. am Montag, den 22.2.16 eine bessere Behausung/Unterbringung zu vermitteln. Dort existiert auch eine Kindebetreuung, die Fida als Mutter von 3 kleinen Kindern entlastet.

Hier wird noch das Prozedere in Bezug auf die „Unterbringung“ erklärt.

Alinka Seth, den 23.2.2016

*die Namen der Mitglieder der syrischen Familie und weiterer Personen wurden aus datenschutzrechtlichen Gründen verändert

**“Unsolidargemeinschaft deshalb, weil Kassenmedizin Klassenmedizin ist und weil die Gesundheitsindustrie noch nie für die Interessen der gesellschaftlich Arbeitenden gewirkt hat. Primär geht es um die Profite der Pharma-Industrie und insbesondere derer, die medizinische Geräte herstellen lassen. Die Gesundheitsindustrie baut die Versorgung durch immer mehr „Zusatzleistungen“, die allein von den Arbeitenden zu bezahlen sind, hin zur Triage um. Triage kommt aus der Militärmedizin und bedeutet, dass hohe Generäle eher überleben als die „kleinen Soldat*innen“. D.h. eine ausreichende und gute Gesundheitsversorgung können sich zunehmend nur noch wohlsituierte Privatpatient*innen leisten. Und bereits in der Krankheitsprävention beginnt dies: Eine gute Lebenssituation mit gesunder Ernährung bringt es mit sich, dass Krankheiten vorgebeugt wird, während arme Menschen mehr von Krankheiten geplagt sind und deshalb zumeist früher sterben. Letztere trifft insbesondere die Streichung des Sterbegeldes, was es mit sich bringt, dass ältere Menschen Angst davor haben, durch ihrem Tod ihre Kinder zu belasten.

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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