Stoppen wir die Abschiebung der Rroma!

Die Rroma haben eine lange Geschichte der Vertreibung durchlitten. Eindringlich und anschaulich wird ihre Geschichte von Rajko Djuric in Ohne Heim, ohne Grab. Die Geschichte der Roma und Sinti“ erzählt. Aber auch im Internet existiert eine historische Aufarbeitung, die ich allen Leser*innen meines Blogs empfehle: http://www.romahistory.com/

Im letzten Jahrhundert in Deutschland wurden sie nicht nur vertrieben, sondern es wurde ein Völkermord an ihnen verübt. Auch sie wurden während des NS in Konzentrations- und Vernichtungslager gebracht, viele von ihnen auch in Auschwitz ermordet.  Der Begriff der Rroma dafür: „Porrajmos„.

„ Am 15. September 1935 verkündete der Nürnberger Parteitag der NSDAP das ,Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre’. Mit ihm werden Juden, Farbige, Rroma/Sinti und soziale Randgruppen als die ,Rassenreinheit’ bedrohend gekennzeichnet.

Parallel zur Verschärfung der Gesetze erfolgte eine Zentralisierung der Diskriminierungspolitik sowie die Einbindung ganzer Wissenschaftsbereiche, um ein pseudowissenschaftliches Fundament für die geplanten Verbrechen zu schaffen. Um das Vorgehen der Nazis zu legitimieren, wurd en konkrete ,Forschungsziele’ vergeben und Dissertationen geschrieben, die die angebliche Minderwertigkeit, endogene Kriminalität und Asozialität der Sinti und Roma beweisen sollten. Der Reichsinnenminister empfahl im Juni 1936 den Ländern und Kommunen, an ,Fahndungstagen … Razzien auf Zigeuner zu veranstalten’. Diese dienten der Datenerhebung und Vertreibung der Roma und Sinti. Schrittweise wurde zusätzlich Stimmung in der Bevölkerung geschürt, und die Lebensmöglichkeiten eingeengt.

Im November 1936 nahm der Tübinger Psychologe und Psychiater Dr. Ritter im Auftrag des Reichsinnenministeriums und mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (FG) seine Arbeit an der ,Rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt’ (RGA) in Berlin –Dahlem auf. …

An diesem Institut wurden bis 1942 ca. 30 000 Sinti und Roma mit Hilfe einer pseudowissenschaftlichen Methode genealogisch und anthropologisch untersucht und nach einem Raster in ,stammechte Zigeuner’ oder,Zigeunermischlinge verschiedenen Grades’ klassifiziert. Eine berüchtigte Rassenforscherin neben Ritter war Eva Justin, die sich bereits 1933 das Vertrauen von Roma und Sinti erschlichen hatte, die sie für eine Missionarin hielten und ihr den Spitznamen ,Lollitschai’ gaben. Erst später bemerkten die Sinti und Roma, dass sich hinter der Fragestellerin eine den Vernichtungs-feldzug Mitplanende verbarg. Am ,Ritter-Institut’ wurden verschiedene ,Lösungsvorschläge’ konzipiert und abgewogen: Sterilisation und Formen der Deportation. …

Das erklärte Ziel der Nazis war es, ihre Vernichtungspolitik überall in Europa durchzusetzen. Um die Deportation zu organisieren, schufen sie ein weitverzweigtes System von Sammel-, bzw. Zwangslagern. …

Eine Entschädigung (Wiedergutmachung) der Opfer, der Überlebenden der Vernichtungslager und unmenschlicher Strapazen der Zwangsarbeit für deutsche Großkonzerne (IG Farben, Siemens/Halske und viele andere) hat es bisher so gut wie nicht gegeben. Hochrangige Täter waren nach dem Krieg und bis zu ihrer Pensionierung wiederum in herausragenden Positionen tätig, wie zum Beispiel die ,Rasseforscher’ Dr. Ritter und Eva Justin.“

aus: Djurić, Rajko; Jörg Becken; A. Bertholt Bengsch: Ohne Heim – Ohne Grab, Berlin, 1996. – S. 268 ff.

Ähnlich, wie bei den europäischen Juden (für dem an ihnen begangenen Völkermord/Genozid wird von Shoah oder Holocaust gesprochen), wurden Roma überall in Europa verfolgt, in KZ’s verbracht oder auch gleich getötet. Die NS-Besatzungszeit in Jugoslawien war für sie besonders grauenvoll. Viele der Rom*nja wurden – zusammen mit Jüd*innen – ermordet und in Massengräber geworfen.

Zwar hat sich der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma  mit vielen Aktionen des zivilen Ungehorsams sehr darum bemüht, dass eine Aufarbeitung dieser Geschichte und eine Beendigung der grausamen Diskriminierung stattfindet, doch er musste lange darum kämpfen, dass die Geschichte der Genozids an den Roma und Sinti überhaupt zur Kenntnis genommen wurde. Statt sich der Verantwortung zu stellen, hat die Nachfolgeregierung des nationalsozialistischen Deutschlands die Sinti und Roma mit ein paar „Peanuts“ und einem Begegnungszentrum in Heidelberg abgespeist.  Und seitdem seitens der Regierenden  der Schluss-Strich unter die Vergangenheit gezogen wurde, schwindet außerdem zunehmend die Empörung über den rassistisch motivierten Hass auf Roma. Dabei war dieser in der „Mitte der Gesellschaft“ immer vorhanden und wurde von zahlreichen rechten Politikern gepuscht. Insbesondere gegen und auf dem Rücken von Roma wurde  im Sommer 1992 wurde ein mehrtägiges Pogrom in Rostock-Lichtenhagen von Neo-Nazis inszeniert.

(…) Wenige Tage nach dem Pogrom von Rostock wurde das Abschiebeabkommen mit dem rumänischen Staat geschlossen. Damit kam Bundesinnenminister Seiters auch dem Anliegen des Pogroms entgegen, das er mit den Worten kommentierte, daß „große Teile der Bevölkerung besorgt über den massenhaften Zustrom von Asylbewerbern“ seien. „Der Reichskristallnacht von Rostock folgen Deportationen in den Osten, eine Fortsetzung der nationalsozialistischen Politik mit anderen Mitteln“, nannte dies Rudko Kawczynski vom Roma National Congress. Daß die Hauptbetroffenen des Abschiebevertrages Roma sind, bezeichnen die Nachkommen der Täter, die im Nationalsozialismus 500 000 Roma und Sinti ermordet haben, als Zufall. Aber wer glaubt an Zufälle in Deutschland, wenn es um die Durchsetzung rassistischer Politik geht. 

Das rassistische Staatsprogramm im Inneren (z. B. Asylbeschleunigungsgesetz, Abschaffung des GG Art. 16 – Grundrecht auf Asyl – und exterritoriale Abschiebelager am Flughafen) wird mittels der Machtposition der Bundesrepublik gegenüber den östlichen Anrainerstaaten durch einen cordon sanitaire erweitert. Diese Maßnahmen gegen Flüchtlinge ließ sich die Bundesregierung einiges kosten, denn wer um die „Reinheit der deutschen Gesellschaft“ besorgt ist, dem ist kein Preis zu hoch. Für Rumänien und Makedonien je 30 Millionen Mark. Nach Makedonien, dem diese Millionen gezahlt wurden, um als „Müllhalde“ für deportierte Roma zu dienen, ist der vorläufig letzte Vertrag mit Polen „über die Zusammenarbeit hinsichtlich der Auswirkungen von Wanderungsbewegungen“ für 120 Millionen geschlossen worden. Dieser Abschiebevertrag legt fest, daß die „Kostenbeteiligung“ der BRD für die Aufrüstung an den Grenzen und die polizeiliche Ausstattung Polens zu nutzen ist. Damit soll der BGS-„Sicherheitstandard“, eine materielle Form der deutschen rassistischen Abschottungspolitik, in die osteuropäische Länder vorverlagert werden. (…)

http://www.fluchschrift.net/archiv/progpog.htm

Gedenktafel der "Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs"

Gedenktafel der „Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs“ Zum Vergrößern bitte auf das Bild clicken

Wenn wir dies mit der gegenwärtigen Situation (rassistische Anschläge), den Debatten und den Gesetzesverschärfungen vergleichen, so entdecken wir Parallelen. 1992 haben insbesondere „Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten Frankreichs“ um Serge und Beate Klarsfeld dagegen protestiert und wollten eine Gedenktafel dort anbringen. Diese Tafel, die am 19. Ok­to­ber 1992 Beate Klars­feld und die Or­ga­ni­sa­ti­on “Les Fils et Fil­les des Déportés Juifs de Fran­ce” (Söhne und Töch­ter der de­por­tier­ten Juden aus Frank­reich) am Rat­haus an­ge­bracht hatte, war da­mals so­fort von der Stadt Ros­tock und der Po­li­zei ent­fernt wor­den. Danach war sie in der Stadt­ver­wal­tung Ros­tock nicht mehr auf­find­bar. Eine Re­plik der Tafel konn­te durch die VVN-BdA im Au­gust 2012 nur unter star­kem öf­fent­li­chem Druck an­ge­bracht wer­den. Die Klarsfelds konnten an diesem Gedenktag nicht teilnehmen, aber Beate Klarsfeld schrieb ein Grußwort an die engagierten Antifaschisten.

Und nicht nur das: Parallel zu den Pogromen hier in Deutschland mordeten deutsche Nazis bereits wieder an der Seite der berüchtigten HOS-Bewegung, der Ustachi in Kroatien und viele von ihnen zogen weiter nach Bosnien. Sie töteten nicht nur Serben und prahlten damit, sondern auch Rroma, die an die Front geschickt wurden. Und viele von ihnen mussten flüchten und waren noch Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges wegen „Fahnenflucht“ von der Todesstrafe bedroht.

Doch zurück zur Geschichte und den Parallelen zu 1992/93: Auch heute – und seit langer Zeit schon – bedient sich das deutsche Regime wieder anderer Länder, um ihre „Festung“ aufrecht zu erhalten und eine unmenschliche Politik des „spalte und herrsche“ sowie eine Sortierung des „Menschenmaterials“ (*) durchzuführen. Zwar wird auf öffentlicher Ebene die „Spaltung Europas“ und die „mangelnde Solidarität“ von deutschen Politikern bejammert, aber insbesondere die CSU hofiert die Länder, die Grenzzäune errichten, allen voran  den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbàn. Doch nicht nur das: Die deutsche Administration ernannte den türkischen Faschisten Recep Tayyip Erdoğan zum Torwächter Europas. Amnesty International schlug bereits Alarm. Und Horst Seehofer pries das neue „Asylbeschleunigungsgesetz“ mit: Man habe habe nun „Regeln gefunden, die in dieser Klarheit und Schärfe in Deutschland noch nie da waren.“

Insofern sind alle betroffen – auch deutsche Arbeiter*innen. Denn es geht den Herrschenden stets nur um „Menschenmaterial“ (auch deutsche Arbeiter*innen werden als solches angesehen) und sie machen aus uns allen eine imperialistische Manövriermasse.

Unterstützen wir insbesondere die Roma gegen Abschiebungen, da sie zur Pariaschicht des europäischen Proletariats gemacht wurden!

Solidarisieren wir uns mit „Alle bleiben“ und ihren Kampf für ein Bleiberecht der Rroma!

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(*) Diesen Begriff fand ich u.a. kürzlich in dem Buch „Ins Innerste Afrika – Bericht über den Verlauf der deutschen wissenschaftlichen Zentral-Afrika-Expedition 1907-1908“ von Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg. Darin – auf S. 17 – heißt es: „Anfang Mai meldete mir ein Telegramm, daß alles erforderliche Menschenmaterial, insgesamt gegen 700 Mann in Bukoba bereit stände.“

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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