Die Wandlung der Angela Merkel

Fast alle, die das politische Tagesgeschäft kritisch zur Kenntnis nehmen, haben das Video des Schulbesuches der Bundeskanzlerin in Rostock Mitte Juli 2015 gesehen und wie sie sich dem palästinensischen Mädchen Reem zuwandte, das darunter litt, dass sie mitsamt ihrer Familie bald abgeschoben werden könnte. Darin wirkte sie wie eine politische Charaktermaske, die gedrungen ausgewrungene Phrasen von sich gab, wie: „Wir können eben nicht alle aufnehmen“. Als das Mädchen zu weinen begann, ging sie zu ihr, streichelte sie und sagte: „Das hast Du doch gut gemacht“, womit sie meinte, sie zu trösten. Doch in Wirklichkeit fand innerhalb dieser Geste eine Übertragung statt. Sie selbst hatte in ihrer Kindheit öfter geweint, weil sie meinte, versagt zu haben und weil sie gescholten wurde. Ferner ist sie auf Basis ihres Amtes auch dazu in ihrer Rolle als Politikerin gut zu wirken. Alle Politiker*innen sind im Grund Showspieler*innen, die den gesellschaftlichen Individuen Zuversicht in ihre Politik „verkaufen“ müssen. Sie behandelte also Reem gar nicht gemäß deren Trauer und Verzweifelung über die bevorstehende Abschiebung, sondern projizierte ihre eigene Rolle auf das Mädchen. Eben deshalb ging die Phrase: „Das hast Du doch gut gemacht“ völlig an der Ursache der Verzweifelung von Reem vorbei. Gerade deshalb, weil Reem sich bemüht hatte und gut integriert ist, ist ihre Trauer über die Zurückweisung ihrer Person bzw. die Negierung ihrer Persönlichkeit umso stärker.

Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass Angela Merkel später an ihrem eigenen Verhalten in dieser Situation zu zweifeln begann, weil gerade sie darin ja nicht gut gewirkt hat und  sie sich deshalb mit diesem Dialog auseinandersetzen musste. Dies auch deshalb, weil es ein „Medienhit“ war. Sie war also aufgrund ihrer Rolle als Schauspielerin dazu gezwungen. Wahrscheinlich hat sie, da sie sich einem permanenten Selbststresstest unterworfen hat bzw. sich in einem Hamsterrad befindet, in dem ihr nicht erlaubt wird, dieses zu verlassen, den Fauxpas ihrer Erwiderung an Reem schnell mit „Nun ja, es hätte etwas optimaler laufen können“ ‚weggesteckt‘.  Wahrscheinlich. Oder? Es bleiben mir nur Mutmaßungen, da ich nicht mit ihr darüber gesprochen habe und ich dies eben nicht gemeinsam mit ihr reflektieren und analysieren konnte.

Die wirkliche Wandlung der Angela Merkel vollzog sich also erst später, während und nach ihrem Besuch in Haidenau. Vom dortigen deutschen Volk wurde sie übelst beschimpft, während die geflüchteten Menschen in der Asylunterkunft sie jedoch mit Dank und Herzlichkeit empfingen. In diesem Moment zerbrach ihre Charaktermaske und sie entdeckte und befreite ihre darin eingekerkerte und von Sachzwängen abgestumpfte Menschlichkeit und Empathiefähigkeit.  Ab diesem Zeitpunkt und außerdem auf Basis des Schocks über die 71 toten Menschen, die in einem LKW in Österreich entdeckt wurden, begann sie, sich den Allgemeinen Menschenrechten zu widmen und sie zu verteidigen. Siehe dazu auch diesen Mitschnitt der Bundespressekonferenz:

Mit dem Appell, sich für die Aufnahme von geflüchteten Menschen einzusetzen, hat sie nicht nur ein Zeichen gesetzt, sondern sich über die Betonfraktion der „Abschrecker“ und „Festung-Deutschland“-Verteidiger in der Regierung und ihrer Partei sowie der CSU hinweggesetzt. Dies hat sie – als ideelle Gesamtkapitalistin – natürlich auch im Interesse der deutschen Wirtschaft gemacht. Sie hatte einen Termin mit dem BDI, der kritisierte, dass die gegenwärtige Regierung immer noch kein Einwanderungsesetz auf den Weg gebracht hat. Dementsprechend muss also der Plan in ihr gereift sein, das eine (die Imigration von geflüchteten Menschen) mit dem anderen (Einwanderungsgestz) – beides zusammen = legale und „geordnete“ Zuwanderung für die Interessen des dritten (der Wirtschaft) zusammen zu bringen.

Damit dürfte nun klar sein, dass ein ökonomisches Kalkül zur Verwertung der Arbeitskraft ein starkes Gewicht im neuen „Aufbahnplan“ des Bundeskanzleramtes hatten und die Bundeskanzlerin war sich sicher, die Wirtschaftsmächtigen des kapitalproduzierenden Sektors (also der „Realwirtschaft“/Industrie) hinter sich zu haben. Ansonsten wäre diese eher zögerliche Dame nicht so in die Offensive gegangen.

Wir sollten uns auch klar darüber sein, dass der Bundeskanzlerin bzw. dem Bundeskanzleramt zwar viel Macht zugesprochen wird, dass jedoch das Bundesfinanzministerium (der Staat als ideeller Gesamtkapitalist ist in dem Finanzsektor stärker involviert und damit verwoben) und auch das Innenministerium (Kontrolle des staatlichen Gewaltmonpols) mehr Macht besitzen, als sie. Denn die wirkliche gesellschaftliche Macht haben im neoliberalen Kapitalismus eh Monsieur le capital financier und die Kommandeure des staatliche Gewaltmonopols, sofern eine durch das Kapital selbst hervorgebrachte ökonomische Krise zur sozialen und politischen wird.

Ich bin ich keine Freundin von Angela Merkel, denn im Gegensatz zu ihr weiss ich, dass der Kapitalismus die Menschenrechte zu einem Scheiterhaufen macht, aber ich habe ihre Wandlung zur Kenntnis genommen, reflektiert und mir wurde wieder bewusst, dass Politik nicht immer nur ein „schmutziges Geschäft“ ist, wie es mir meine Mutter vermittelt hat, sondern eben auch eine Charakterfrage ist.

Im übrigen ist es so, dass die theoretische Antizipation des Kommunismus nicht aus der Arbeiterklasse stammt, sondern von ethisch und humanistisch geprägten Bürger*innen entwickelt wurde. Engels war gar ein Bourgeois und Kapitalist. Aber vielleicht gerade deshalb hatte er ja in seinem Vorwort zu den „Klassenkämpfen in England“ darauf hingewiesen, dass die Befreiung vom Kapitalismus auch die Charaktermasken des Kapitals von ihrem entfremdeten Dasein befreien wird und sie eben deshalb ein schöneres Leben leben können als zuvor.

Und da Angela Merkel mich durch ihre Politik, u.a. als sie sagte, dass es nicht mehr ihr Land sei, wenn man in Deutschland gegenüber Geflüchteten keine freundliche Geste bzw. kein freundliches Gesicht zeigen dürfe, menschlich berührte, interessiere ich mich plötzlich auf andere Weise als nur der kritisch-politischen für sie. Kürzlich ertappte ich mich sogar bei der Frage: „Wie hält sie das nur aus? Sie ist doch eher Naturwissenschaftlerin. Wie kann sie dann diesen Weg in das Korsett der Ideologie gehen? Dies eben deshalb, weil bürgerliche Politik bzw. die politische Ökonomie eine Ideologie ist.

Die „Festung Europa“ ist in’s Wanken geraten. Dies wurde natürlich durch die Menschen bewirkt, die die Grenzen unbeirrbar überwunden haben. Dies aber auch, weil die Bundeskanzlerin sich dafür entschied die Wirkungsmacht der  „Betonfraktion“ zu begrenzen.

Leider ist letztere immanenter Teil des Staatsapparates, der zu einem „schlanken Staat“ wurde, indem er sich von der sozialen Fürsorge verabschiedete und zu einem bürokratischen Monstrum mutierte. Der Aufbau eines neuen Sozialstaates stößt deshalb unweigerlich und konfrontativ mit dem neoliberalen Staat zusammen. Damit aber zerbricht der bürgerliche Staat an sich selbst.

Uns bleibt deshalb nichts anderes übrig, als einen neuen aufzubauen: Einen Staat der produktiven und kreativen Menschen für die menschlichen Individuen und das individuelle Wohlbefinden. Und Menschen sind wir alle und wir alle würden uns gern als menschliche Individuen anerkannt wissen und produktiv daran beteiligt sein. Dies allein schon deshalb, weil es trotz aller Katastrophen und der gesellschaftlichen Destruktivität und Dissozialität eine produktive Lebensenergie gibt, die auf menschliches Wohlbefinden ausgerichtet ist. Sie steckt noch in jedem Kind, sofern es nicht durch sein Milieu bereits zugrunde gerichtet wurde.

Ceterum censeo: Auf Basis dieser Analyse und der des letzten Blogbeitrages halte ich es für wichtig, Angela Merkel nun gegen die zu verteidigen, die sie „absägen“ wollen. Denn die „Absäger“ wollen ja nichts anderes, als einen Rechtsruck auch in Deutschland zu forcieren. Auch wenn ich nicht alles in dem Artikel von Nayyer Nolte  „Öffentlich an den Pranger stellen!“ mittrage, so halte ich seine Recherche und Analyse mitsamt seines Appells für wichtig.

Ich persönlich favorisiere jedoch als Handlungsoption einen klaren Kampf der Gewerkschaften, die ebenfalls unter der Last des Neoliberalismus zu ersticken drohen.

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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9 Antworten zu Die Wandlung der Angela Merkel

  1. Michaela Lusru schreibt:

    Bis auf die schnöde Phrase vom „MASSENMORDSYSTEM KAPITALISMUS“, die als reiner Propagandabegriff völlig überflüssig zum Schluss angehängt wurde wie seinerzeit in dem Realexistierenden Sozialismus der statskonforme Propagandazuversichtsobulussatz fällig war als Ausweis ideologischer Rechtschaffenheit – bis auf diesen überflüssigen Schnullifax, der ja die ganze Zeit von dir schon weit gehaltvoller beschrieben wurde, gefällt mir deine sehr sorgfältige Beschreibung außerordentlich.
    Ja, so ist das wohl, beim Subsystem Merkel, das nun seine Autonomie verloren hat, und das bereits auf mehreren wichtigen Feldern gleichzeitig.
    Selten findet man derart empatiegetragene und dennoch nicht verkleisternde Gegenwartserkenntnisse in unerbittlicher Konsequenz wie auch für „einfache Gemüter“ verstehbarer Sprache.
    Sicher sind wir alle „Brüder, Schwestern ….“
    Aber wir sind auch alle individuelle Ganzheiten mit eigenen Identitäten, die uns ausmachen und daher gepflegt werden müssen und keinesfalls wie Hemd oder Bluse gewechselt werden können, da angenagelt in uns,.
    Und das bezeugt Frau Merkel in deinem Text gleich mehrfach:
    Westgeburt, beste Ostbildung mit Erfolg, im elterlichen Haushalt „Kirche im SOZIAL ismus“ geprägt, vom WendeeinigungsKohl im SITZEN gestählt, vom Blümchenpopulismus der vielen „starken“ Männern in der alten CDU nicht angetan und DESHALB obsiegt, vom Volk wegen ALLEM „geliebt“ – und dann nicht rechtzeitig auf den Gorbatschow hören – ja, das passt zusammen: Wer zu spät kommt, weil er nicht will, ….

    Was macht sie nun, die „mächtigste Frau der Welt“, Zug verpasst und keiner hilft, nach dem populistischen Notstandsakt und publizistishen Befreiungsschlag des „Wilkommens“, der noch zur „alten Merkel“ zu passen schien, und wie „Das schaffen Wir“ – (Wir??), dann das „Schaffen wir das?“ und nun „Das müssen wir schaffen“ (nach Meinung vieler Leute bereits seit Jahren!) versucht sie nun plötzlich im Sturzflug, Punkt für Punkt das ursprüngliche Programm der Dresdener Pegida-Spaziergänger ab zu arbeiten (nachzulesen auf der Wikipedia-seite), nachdem sie mit all ihren großen und kleineren Klebchen diesen zig Tausenden der Spaziergänger an der Elbe amtlich (in Missbrauch ihres Kanzler-für-alle -Amtes) Kalte HERZEN bescheinigt hatte und damit für eine damals nicht gerechtfertigte Populistische Schlammschlacht der Hetze gegen diese Menschen entfacht hatte –
    Was nun?
    Nun erleben wir, was ein wirklich kaltes Physikerinnenherz so alles völlig halbherzig drauf hat, Internierungslager an den Aussengrenzen, Diskriminierung der Dauerkriegsflüchtlinge der Roma aus dem Balkan als Bürger „sicherer Herkunftsländer“, Förderung und Anbiederung an den die Türkei gerade zerreissenden Erdoganismus, dem grössten Falschspieler in der NATO und Spalter der in Deutschland lebenden Türken und Kurden, erneute schäbige Verprellung der Griechen mit ihren ungeheuren Flüchtlingslasten, Ländergrenzzäune sprengen Chengen und die EU – ich hör mal hier auf, obwohl die Kälte solcher Herzen noch weit länger beschrieben werden könnte.
    Wie kann eine Frau, die diesen Weg gegangen und gestaltet hat, sich so tief rein reissen mit einem einzigen Wort, nur um den „paar Kaltherzen“ in Dresden nicht zugeben zu müssen, dass deren Warnungen an die Etablierten in unserer Politik – nicht an Kriegsflüchtlinge und nicht an in D lebende oder ankommende Moslems, sondern an Salafisten gerichtet) und zwar nicht aus dem politischen Ritz kommend, aber berechtigt waren und deren Verdammung peinlich ?
    Soviele Scherben, so viele Verdruss bei Flüchtlingen weit und breit samt den Helfern und soviel vereitelte Integration von anbeginn der Fluchtwelle wie nun auf alle zukommt, kann man, wenn man das wollte, kaum bewusst schaffen, wie Frau Merkel nun zu beräumen hat.

    Erst nachdem Bürger im Netz nachdrücklich gefordert haben, dass diese Krise „nun nur noch generalstabsmässig zentral beherrscht werden kann, wurde eine Woche später der Kanzleramtsminister zu diesem General ernannt usw. usw.
    Diese Regierung, könnte man meinen, regiert nicht mehr sondern rennt nur noch den eigenen Bocksprüngen hinterher, und das muss sofort aufhören, nicht weil Dresdener Spaziergänger weiter laufen und dort allerhand Quark verzappt wird, der sackweise Intelligenzler unserer Gesellschaft damit beschäftigt, die Rechtslastigkeit des Ostens wissenschaftlich erbsenzählend zu beweisen anstatt sich mit ihrem Potential um die integration der „Bedürftigen“ zu MÜHEN, und zwar derer, die in Dresden spazieren, wie solcher, die anderswo krawallieren (weil man das im Westen ja schon immer SO machte), wie auch der Bedürftigen, denen im Land angekommen die Deutschlehrer, Übersetzer, Ärzte, und Wohnungen sowie simpelsten Integrationshilfen fehlen, wie auch der Bedürftigen, die einst aus der Türkei kommend nun sich in zwei größeren Millionen zählenden Gruppen auf den Import des türkischen Bürgerkrieges vorbereiten, und noch mehr um die INFORMATION und ausreichende Versorgung derer zu MÜHEN, die noch in den Sekundärstaaten in den Lagern sitzen, hungern und frieren, von denen, die auf dem Balkan nun in Regen, Kälte und Schlamm versacken ganz zu schweigen.

    Es hat den Anschein, als ob die Populisten „von Amtes wegen“ in Deutschland heute eine echt grosse Krise zu bewältigen haben, die größte seit der Vereinigung:
    Endlich mal ein offener Kampf gegen die deutschen Rechtsextremisten, die vielen Andersdenkenden, die der Einfachheit halber gleich mal ALLE zu Extremisten und Nazis gestylt werden müssen, denen sogar verbale Integration versagt sein muss, eine echte grosse Herausforderung – und letztlich doch nur der Popanz, der zur Ablenkung von der eigentlichen Unzulänglichkeit, dem miserablen Flüchlingsmanagement auf der gesamten Linie durch die obere Politik bis in die EU hinein, dienen soll.
    „Kalte Herzen“ und „Kalte Herzen“ gesellen sich eben gern, ohne dass damit geholfen ist.

    Insofern ist die weit einfühlsamere Darstellung in deinem Text schon in Ordnung, es muss wohl auch sanftere Richtigkeiten geben, denn genau das vermissen gegenwärtig so viele engagierte Menschen, und das ist unser nächstes Problem, wenn wir nicht auch darauf jetzt achten: Integration und Teilhabe ja, aber für ALLE.

  2. alikase99 schreibt:

    Danke für Deinen populismuskritischen Kommentar. Ich verstehe allerdings nicht, wie Du darauf kommst, Pegida wäre nur gegen Salafisten. Sie sprechen vom Islam und wenden sich gegen „Islamisierung“. Lt. Grundgesetz existiert aber Religionsfreiheit. Außerdem steckten von Anfang im Orga-Team Männer, die xenophobe Ansichten haben. Dazu muss man nur die wikipedia-Seite über Pegida lesen. Hier nur kurz zu Deinem letzten Satz: Wenn durch Kriege und die Zerstörungsgewalt des Destruktionskomplexes (militärindustrieller Sektor) immer mehr an Gütern und Güte, also unsere Lebensgrundlage zerstört wird: In was kann denn dann noch integiert werden bzw. was können wir dann noch teilen? Und nun noch kurz zurück zum Populismus: Der deutsche Staat ist ein populistischer Staat. In ihm wird nicht im Namen der Menschenrechte oder der Menschenwürde Recht gesprochen, sondern „im Namen des Volkes„. „Volk“ ist aber ein populistischer Begriff par excellence. Ich habe übrigens aufgrund Deiner Kritik den letzten Absatz wegretouchiert. Er passt schon stilistisch nicht in den Artikel. Danke auch für die Kritik.

  3. Lusru schreibt:

    @alikase99 schreibt: Oktober 28, 2015 um 11:44 nachmittags
    „In was kann denn dann integiert werden bzw. an was können wir dann noch teilen?“
    Jedenfalls nicht in die derzeitige „Grosse Merkelei“, – bin ich versucht, zu behaupten.
    Allerdings bin ich „erwachsen“ genug, um zu wissen, dass man wenn Pferde gerade mal durchgehen, weder den Kutscher noch das Zaumzeug wechselt, sondern die Zügel sinnvoller und deutlicher führt, darauf dringt.
    Wir haben Menschen, hochentwickelte soziale Wesen, organische Ganzheiten, die jeder in der Lage sind, sich zwar selber als Ganzheit zu erhalten, als biologisches wie soziales System selbstregulierend zu erhalten und zu entwickeln, mit dem „kleinen Problemchen“:
    alles was Mensch ist, ist er nur vor und für Andere, vor sich selber bestenfalls nur als totes Spiegelbild. Soziale Wesen sind auf die ausgleichende Einbindung unter seinesgleichen angewiesen, welcher Denkrichtung auch immer, sie ist nur über das Prinzip herstellbar und erhaltbar, das ihn in der Evolution zu dem hat werden lassen, ebenfalls biologisch (organisch) wie sozial, was er heute ist: Das prinzipiell kooperative Handeln zum gegenseitigen Nutzen, auch: Mutualismus als Daseinsweise.
    In diese wertvolle bereits von der Natur aus angelegte biologische wie soziale systemisch tragende Eigenschaft lohnt es sich zu investieren, lohnt sich Integration, lohnt sich Forderung und Durchsetzung von Ausgleich, wozu Menschheit (hier mal der Teil der alten Griechen) sich eine völlig unzulängliche Verfahrensweise erstellte: Demokratie, DAS Werkzeug zum friedlichen gesellschaftlichen AUSGLEICH.
    Ja, ich weiss, Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit prägen die Demokratie, die überall in der Welt nur auf dem Buckel ihrer jeweiligen Sklaven errichtbar und erhaltbar war, ist, und sein wird. Keine Demokratie, die anders entstand und existierte, auf Kosten ihrer Leibeigenen, Lehn-, Miet-, Lohn- und Daten- wie indigenen Sklaven oder in Form fremder Völker.
    Leider kennen wir keine bessere als diese schlechte Gesellschaftsordnung, schlechtere gefährlichere jedoch allemale. Was bleibt uns: diese einzig als hinreichend erträglich AUSGLEICHEND gestaltbare Demokratie koste es was es wolle, zu errichten, zu erhalten und zu schützen, zu gestalten.
    Sie ist es, in die jeder Teilhaber an Gesellschaft, ich betone jeder, zu integrieren ist, bei Strafe seines eigenen Unterganges. Das ist durchzusetzen, von der Zivilgesellschaft wie von deren Repräsentanten und Präsentanten, darin ist zu investieren, alternativlos, Spaltungen dazu zu vermeiden.
    „Der deutsche Staat ist ein populistischer Staat“ – Das mag sein, was jedoch nichts mit deiner nachfolgenden Begründung zu tun hat, denn Demokratie / Staat dazu begründen sich nicht auf die Art der Rechtsprechung, die eh nur ein jederzeit veränderbares Vertragswerk, also von Mensch gemacht ist, und das ist auch änderbar.
    „In ihm wird nicht im Namen der Menschenrechte oder der Menschenwürde Recht gesprochen, sondern “im Namen des Volkes“. “Volk” ist aber ein populistischer Begriff par excellence.“
    Schau an, das sehe ich völlig anders:
    Wenn dieser Staat aus DEINER Sicht ein populistischer ist, gibt es nichts, was populistischer, also vorgeschoben und meist bigott strapaziert wird, als die Begriffe Menschenrechte und Menschenwürde, möglichst noch bezeichnet als „unsere Werte“, unsere „westlichen“, dabei hat unsere Gesellschaft diese Vorstellungen (was anderes sind sie nicht) sich auch nur ausgeborgt, und das meiste davon eben genau nicht aus „unserem Westen“ …
    Hingegen „VOLK“ , der eigentliche Anlass und das Ziel für Menschenrechte und -Würde willst du aus nicht erklärten Gründen und nur behauptet zum „populistischen Begriff par excellence“ machen – wieso? Bist du eine späte Jüngerin des Nationalsozialismus, eine „neue Rechte“ oder was es in dieser Ecke so alles gibt, dass du 70 Jahre nach dem Untergang des „völkischen Wahnsinns“ diese Denkweise noch immer akzeptierst, in die Mitte unserer gesellschaftlichen Diskussion schiebst, die nationalsozialistische Deutungshoheit über „Volk“ einfach nicht bgveenden möchtest?
    Das ist eine schwache und nur als populistisch begreifbare „Leistung“, als Hinterherhecheln hinter die Hitlerschen Diktionen, diesem grauenvollen PolitKasper eine späte Genugtuung postum verschaffend!
    Meinst du nicht, dass es Zeit ist, als mündige Demokraten alle Denkmuster der Nationalsozialisten endlich im Klo herunter zu spülen, anstatt sie mit konstruierten nicht erklärten und nicht erklärbaren (ehrenvoll respektvoll geachteten) Tabus immer noch zu belegen und deren Fehldeutung fort zu pflanzen?
    Wenn „Volk“ unehrenhaft populistisch sein soll, was ist dann ein „Völkerbund“? Was ist dann die „Volkshochschule“, der „Volkswagen“, die „Volksbank“, das „Volksfest“, die „Volksbühne“,

    Da greife ich dan doch mal in die Wikipedia, die offensichtlich sich nicht der nationalsozialistischen Entleisungsdeutung verpflichtet fühlt:
    „Volk bezeichnet eine Reihe verschiedener, sich teilweise überschneidender Gruppen von Menschen, die aufgrund bestimmter kultureller Gemeinsamkeiten und zahlreicher verwandtschaftlicher Beziehungen miteinander verbunden sind.“
    Und das soll populistisch sein? Das ist die einfachste direkte Bezeichnung für eine Gesellschaft!

    Ich bin enttäuscht, derartige rückwärtsgewandte und sklavische Hörigkeit an vergangene missratene Denkgirlanden noch immer mit Akzeptanz zu belegen, das hätte ich nicht erwartet.
    Nein:
    Der Hitlerismus hat nach 12 Jahren Unwesen in der Welt nicht das Recht der ewigen Deutungshoheit über eine jahrtausende alte Sprachkultur, erst recht nicht in einer Demokratie, auch nicht in deren populistischem Staat.
    Wer sich von diesen Ifalschen missbrauchten nhalten lösen will und deren erneutes Aufblühen verhindern will, der muss das auch INHALTLICH tun, und nicht nur populistisch als Lippenbekenntnis.
    Es gibt nichts Menschlicheres, Menschenwürdigeres, als „Im Namen des Volkes“ – wenn es denn ernst gemeint ist ….
    Teilen – wer soll das tun, wenn die, die es angeht, die es allein können, das Volk, die KULTÜRlichen Einheiten in der Gesellschaft, bereits populistisch, also nur vorgeblich existierend ist, sind?
    Keine Gemeinsamkeit des sozialen Wesens Mensch besteht, wenn sie nicht vom Kitt der KULTürlichen Gemeinsamkeiten gebildet und entfaltet wird, das ist der ewige sprachliche Hintergrund von „Volk“:
    „Ein Volk im Sinne von Staatsvolk besteht hingegen aus der Gesamtmenge der Staatsbürger und ihnen staatsrechtlich gleichgestellter Personen, es bildet dessen Demos (griechisch δῆμος ‚Gemeinde, Volk‘) als Grundlage der Demokratie“
    Punkt, Bienchen für Wikipedia.

    Gern lasse ichj mich überzeugen von anderen Argumenten, musst dir aber grosse, sehr grosse Mühe geben und nicht mit staubigen Alt-68er Populismus kommen, die haben in der Tat zwar selber unentwegt Volk gemimt und dennoch diesen Begriff nicht verstanden, aber als Populismus verdammt.
    Last not least ein Bonbon:
    „Wir sind das Volk“ soll „Revolution gewesen sein, aber „Wir sind EIN Volk“ war der Populismus niedersächsischer CDU-Experten, die das superschnell drucken liessen und zu Tausenden in Leipzig selbst verteilten, damit das nicht noch nach Hannover schwappt, das mit dem „Volk“ und dem „Wir sind das“, so viel zu Populismus.

  4. Michaela Lusru schreibt:

    Eventuell zur Grosswetterlage zur Ergänzung:
    Habe soeben nochmals den Artikel von Chris Methmann / Campact zu Griechenland mit den über 700 Kommentaren gelesen.
    Während die Kommentare nicht unbedingt verständlich und / oder brauchbar sind, bei etlichen griechisch-Neolib in gestraffter Startstellung herausschaut, ist der Artikel / das Video erste Sahne, trotz Kürze und Gesine Schwan, der ich hier erstmalig und begrenzt auf das folgen kann, da sie aus meiner Erfahrung sich ansonsten wohl mehr als eine der typischen Vertreterinen der „Grossen Populismus-Propaganda-Koalition der alleinig politisch Anständigen und Behäbigen“ zeigt – womit wir wieder beim Thema und beim Knackpunkt von zuvor wären: Populismus in D.
    Dieser Grosskoalitionäre Populismus, der alles „umarmt“, zudeckt und verkleistert, was nur im Geringsten abweichend argumentiert, von dem sich inzwischen in der politischen Berichtung alle grossen Print- und Rundfunkmedien widerspruchslos einordnen lassen oder das selbst forcieren, beendete jede Opposition und damit demokratische Offenheit und Öffentlichkeit der Diskussion, nicht nur zu TTIP, sondern insgesamt – oder wer bitte hat in den Abendnachrichten von den Ansichten dieser Experten je auch nur von deren Existenz geschweige deren Widerspruch gehört?

    Aus solchen Zuständen rekrutiert sich das Aufflammen des Begriffes „Lügenpresse“, mit dem bereits das linke Spektrum seinerzeit gegen die Goebbelsche Gleichschaltung protestiert hatte.

    • alikase99 schreibt:

      Du schreibst: „Aus solchen Zuständen rekrutiert sich das Aufflammen des Begriffes “Lügenpresse”, mit dem bereits das linke Spektrum seinerzeit gegen die Goebbelsche Gleichschaltung protestiert hatte.“ So what?

      Hauptsächlich und viel vehementer haben die Nazis haben diesen Terminus benutzt: http://www.taz.de/!5023884/ Zuvor gehörte er zum Vokabular der Kriegspropaganda und „feindliche“ Medien wurden so bezeichnet. Als die Presse gleichgeschaltet wurde, war „die Linke“ bereits abgeräumt. Dazu nutzten die Nazis den Reichstagsbrand am 28.2.1933. Hitler dazu: „Es gibt kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Verständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird. Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden. Alles ist festzusetzen, was mit den Kommunisten im Bunde steht. Auch gegen Sozialdemokraten und Reichsbanner gibt es jetzt keine Schonung mehr.“ Bitte belege Deine Behauptung.

  5. alikase99 schreibt:

    Hier ist noch ein interessanter Artikel aus der TAZ http://taz.de/Debatte-Union-und-Fluechtlinge/!5242235/ und @ Michaela: Du solltest unbedint Deinen eigenen Blog aufmachen. Ich lehne weiterhin den Volksbegriff ab. Siehe auch zur Geschichte Poliakov: http://emanzipation.eu/poliakov.htm

  6. alikase99 schreibt:

    Auch dies hier ist interessant. Tatsächlich hat die deutsche Regierung Europa zu einer Festung gemacht und auf Abschreckung gesetzt und plötzlich gibt es eine 180°-Wendung aus primär wirtschafspolitischen Überlegungen, die aber nun von den anderen europäischen Ländern abgelehnt wird. (…) Der ehemalige Grünen-Europaabgeordnete Johannes Voggenhuber in einem Interview des Dradio: „Die humanitäre Katastrophe besteht allerdings schon seit Langem. Als im Mittelmeer Tausende Menschen pro Jahr ertrunken sind, hat Deutschland sich geweigert, Dublin III zu verändern, hat sich geweigert, die Vorschläge der Kommission zu einem Solidaritätsmechanismus überhaupt auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Deutschland weigert sich seit dem Gipfel von Tampere 1998, die Vorschläge der Kommission für einen solchen Solidaritätsmechanismus und ein gemeinsames europäisches Flüchtlingsrecht überhaupt zu akzeptieren. Es war eine jener Blockademächte, die jede europäische Flüchtlingspolitik in Ansatz erstickt haben.“ (…) http://www.deutschlandfunk.de/fluechtlingsstreit-in-europa-deutschland-spielt-eine.694.de.html?dram%3Aarticle_id=335169

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