Schulpflicht für Kinder von Geflüchteten

In Twitter gehen gerade die Wogen hoch, weil der Bürgermeister von Erfurt, Andreas Bausewein, u.a. eine Aussetzung der Schulpflicht für Kinder von Asylbewerbern fordert. Er hat in seinem offenen Brief viele Punkte angesprochen und beschreibt darin die Sachzwänge. Nun schießen sich jedoch alle nur auf die Aussetzung der Schulpflicht ein.

Was mich allerdings empört: Obwohl gegenwärtig viele Flüchtlinge aus Syrien kommen und viele der Kinder schwer traumatisiert sind, kommt niemand auf die Idee, sie deshalb zunächst von der Schulpflicht zu entbinden. Viele von ihnen werden besonderen Förderunterricht und Traumatherapie brauchen. Dies muss doch zumindest erst einmal untersucht werden, bevor sie ggf. empathielosen Lehrern und Lehrererinnen ausgeliefert sind! Jedes Kind wird auf seine Schulfähigkeit untersucht und auch in Deutschland aufgewachsene Kinder oftmals vom Schulbesuch zurück gestellt. Aufgrund zahlreicher Defizite, die auf Spracharmut oder Kommunikationsstörungen durch zu viel Fernsehkonsum bzw. Vernachlässigung im Elternhaus beruhen, wurde die Kitapflicht eingeführt. Dies zeigt auf, wie Komplex das Thema „Bildung“ oder gar „Bildungsgerechtigkeit“ ist und wie wenig das Kindeswohl geachtet wurde und wird. U.a. deshalb versucht die Kinderkommission ja auch, die Kinderrechte im GG zu verankern. Und da sie universell sind, sind sie auch auf die Kinder der Geflüchteten anzuwenden. Bildung kann aber erst dann erfolgreich sein, wenn die Kinder mit ihren Eltern eine gesicherte Existenz haben. Dies eben deshalb, weil Schule auch Konzentrationsfähigkeit erfordert.

Wir sind gerade in der Berliner Hauptstadt damit konfrontiert, dass Kinder und Eltern obdachlos sind. Dies, weil die Sozialbehörde bzw. das Landesamt für Gesund und Soziales (LaGeSo) weiterhin auf Abschreckung setzt bzw. die Verantwortlichen scheinbar die Steuergelder für sich und seine „Amigos“ verausgabt haben (viele Medien berichteten seit geraumer Zeit über die Korruption, aber „Amigo“ Allert und sein Boss sind leider immer noch im Amt)und wahrscheinlich auch deshalb Hostels für Flüchtlingsunterbringung nicht bezahlt wurden. Damit ist die mangelnde Konzentrationsfähigkeit aufgrund von Schlafdefizits, mangelnde Ernährung für Kinder in Bezug auf den Schulbesuch aber auf die korrupte und menschenverachtende Sozialbehörde zurückzuführen.

Die Auswirkungen davon und die Untätigkeit des LaGeSo wurden in einer Fernsehsendung von der Projektleiterin Diana Henniges sehr anschaulich beschrieben:

2. Teil:

Viele den durch Krieg traumatisierten Kinder müssen sogar das Spielen erst wieder lernen. Dazu braucht es Methoden, die u.a. auf guter Theaterpädagogik beruhen. Augusto Boals Methoden wurden – lt. einem Experten, der für das BMZ arbeitet – z.B. in Ruanda nach dem Völkermord an den Tutsi erfolgreich angewandt und Betreuungspersonal von Kindern aus Kriegsgebieten müsste darin fortgebildet werden.

Behutsame Pantomime-Spiele sowie Sprachförderung mit schönen Handpuppen könnten hilfreich sein, damit die Kinder wieder beginnen, Vertrauen entwickeln zu können. Ich habe damit gute erfolge bei kriegstraumatisierten Kindern aus dem Bosnien-Krieg erzielt und es sind auch Methoden, die Ergotherapeut*innen empfehlen. Förderlich für den Spachunterricht sind Bewegungs- und Kreisspiele.

Völlig falsch und unmenschlich wäre es, die Kinder auszusortieren: In die mit Anspruch auf Asyl und die, die „rückgeführt“ werden, wie es im bürokratischen Amtsjargon heißt. Und die, die bleiben dürfen, dann schnell in die Schulen zu pferchen und ohne dass sie psychologisch betreut werden.

Ich habe auch in einer Schule gearbeitet und war für „verhaltensauffällige Kinder“ zuständig. Ein einziges traumatisiertes Kind kann durch einen Ausbruch die ganze Klasse „aufmischen“. Wenn dies nun in Schulen passiert und auf überforderte Lehrer*innen trifft, wird sich dies wieder gegen die Flüchtlingskinder richten und ggf. den Rassismus noch verstärken. Auch deshalb bitte ich bezüglich der Einschulungsdebatte um mehr Kompetenz und Seriösität. Es reicht eben nicht aus, nur Sonderklassen zum Zweck von Sprachunterricht einzurichten. Bei Kindern mit Gewalterfahrung müssen – wie es auch das „Freedom Theatre“ von Arna (bzw. unter Arna war es noch das „Stone Theatre“) und Juliano Mer Khamis aufzeigt – besondere therapeutische Spiele entwickelt werden, in denen sich die Kinder abreagieren und auch mal schreien und weinen sowie auf Gegenstände schlagen dürfen.

Ich bin also auch für die Aussetzung der Schulpflicht (als Schulkind habe ich mir das eh erträumt, denn ich empfand Schule als Zwangs- und Dressuranstalt und bin eine Befürworterin der Methode von Heinrich Jacoby), aber – wie hier dargelegt – aus völlig anderen Gründen, als der Bürgermeister von Erfurt. Mir geht es um das Kindeswohl. Eben deshalb bin ich ganz entschieden für die Aussetzung der Bürokratie und Aufhebung der Korruption deutschen Amtsschimmels sowie für die Einhaltung der universellen Menschenrechte.

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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