Rassismus und Arbeiter*innenklasse (updated)

bzw.: Der strukturelle Rassismus in den deutschen Gewerkschaften

IMG_2271Ich komme aus der Arbeiter*innenklasse und bin dementsprechend Proletarier*in (Expropriierte, d.h. eine Person, die nicht über Eigentum an Produktionsmitteln verfügt und deshalb dazu gezwungen ist, ihre Ware Arbeitskraft zu verkaufen). Ich war Anfang der 70er Jahre in der Produktion in einer großen Fabrik tätig und machte Akkordarbeit. Viele meiner Kolleg*innen kamen aus der Türkei, Jugoslawien, Griechenland, Spanien, Portugal sowie auch aus Italien. Es gab zwischen uns ein rundum solidarisches und freundschaftliches Verhältnis. D.h.  wir verbrachten unsere Pausen zusammen und feierten gemeinsam Geburtstag. Außerdem halfen mir meine Kolleg*innen anfangs dabei, den Akkord zu schaffen. Wir alle standen am Packtisch und mussten die gefertigten Produkte im Akkord in Kartons verpacken. Dazu gehörte auch, die Kartons zu falten und Langfeldleuchten (für Großraumbüros und Straße) mit einer Säure zu waschen (damit sie nicht so schnell vergilben) und dann auf eine Palette zu packen.

Die Vorarbeiter*innen bzw. Aufsichtspersonen waren allesamt Deutsche, die nach dem Zuzug und der Einstellung von sog. „Gastarbeitern“ aufsteigen konnten. Dies begann in der Zeit der Hochkonjunktur, der sog. „Freßzeit“ unter Ludwig Erhard und viele Arbeitskräfte wurden für die deutsche Wirtschaft als Arbeitskräfte neu angeworben. Es gab eine klare Hierarchie. Die miesen Jobs mit weniger Bezahlung wurden von der Arbeitsmigrant*innen geleistet, sie wohnten oftmals in Lagern und die Deutschen guckten auf sie herab. Schon in der Schule musste ich erleben, dass Kinder von Flüchtlingen, die in Baracken hausen mussten, als „Asoziale“ stigmatisiert wurden und ich habe mich bereits in der Grundschule mit ihnen solidarisiert und solch ein Verhalten der Ausgrenzung und Stigmatisierung kritisiert. Dies lag daran, dass meine Mutter großen Wert darauf legte, Menschen als Menschen anzusehen und niemanden aufgrund seiner Herkunft zu verspotten, zu verhöhnen oder zu beleidigen.

Durch mangelnde Aufarbeitung des Nationalsozialismus – die noch nicht einmal durch die Studentenbewegung in die Mitte der Gesellschaft gelangte bzw. in den Fabrikalltag hinein getragen wurde, reaktivierten sich die aus dem NS tradierten Strukturen und Verhaltensweisen des deutschen Herrenmenschentums erneut. Oftmals definierten Deutsche ihren Job und Status gar mit: „Ich habe soundso viele Arbeitskräfte *unter* mir.“ Und daran können wir auch erkennen, dass der Rassismus in Deutschland nichts mit einer „Krise“ zu tun hat, sondern strukturell aus der Konzeption der deutschen Nation und vor allem aus dem tradierten Sozialdarwinismus dieser Konzeption abgeleitet werden muss. (1)

Doch nun möchte ich ein paar Thesen zu den Gewerkschaften und Rassismus formulieren:

Zunächst zur historischen Genesis des Rassismus:

Der Rassismus ist eng verknüpft mit dem Christentum, woraus er entstand bzw. es war das Christentum, das die Religion durch die und seit der „konstantinischen Wende“  mit dem Staat verknüpfte und für imperiale Machtzwecke missbrauchte. Innerhalb der Reconquista in Spanien wurde zur Ausgrenzung von Juden der Terminus „Marrane“ konstruiert, der biologische Zuschreibung enthielt, wie u.a. sie hätten „ein anderes Blut“ als Christen und Menschen wurden auf die Ebene  mit Tieren gestellt, denn „Marrane“ bedeutet „Schwein“ und „schmutzig“. Die Reconquista sprach von der „limpieza de sangre“ (Reinheit des Blutes). Nicht viel besser ging es auch den „Moriscos“, die 1609 aus Spanien deportiert wurden. In deutscher Sprache findet sich hier eine interessante historische Darstellung dazu. Während Europa von der Inquisition heimgesucht wurde, wurde die christlich rassistische Ideologie mittels und von C. Kolumbus und den christlichen Missionaren in Süd- und Mittelamerika sowie später auch in Afrika „handgreiflich“ zum Zweck der Kolonialisation und Versklavung der dort lebenden „Heiden“ angewandt. Aus dem Christentum stammt auch die Einteilung von „Völkern“ bzw. „Volkskunde“ nach den drei Söhnen von Noah. Die Hamitenideologie mündete in den Völkermord an den Tutsi in Ruanda. Daran – und an den europäische Rassismus und Antisemitismus des NS – sollte stets erinnert werden, wenn vom „christlich-jüdischen Abendland“ gesprochen wird.

Zum heutigen Rassismus:

Die auf Kapitalproduktion beruhende Gesellschaft ist eine Gesellschaft des Konkurrenzprinzips. Dies bedeutet, dass der Sozialdarwinismus („Survival of the Fittiest“ in der Gesellschaft) dieser Gesellschaft innewohnt. Der Sozialdarwinismus innerhalb des Nationalstaates beinhaltet aber auch stets Rassismus: Ausgrenzung von Menschen, die nicht die Staatsbürgerschaft der Nation besitzen, in die sie bzw. ihre Familien immigrierten oder in die sie aufgrund politischer Verfolgung bzw. Krieg geflüchtet sind. In Deutschland ist der Rassismus – aufgrund der deutschen Nationalstaatskonzeption und dessen Geschichte – insbesondere die des letzten Jahrhunderts (NS) – besonders ausgeprägt.

Die Gewerkschaften gründeten sich als Kampforganisation der arbeitenden Klasse und standen zunächst an der Seite der am meisten ausgebeuteten Arbeiter*innen und richteten sich z.B. gegen den 14-Std.-Arbeitstag u.a. von Frauen sowie Kinderarbeit und die leibeigenschaftlichen Arbeitsbedingungen.

Von Organen der Arbeiterklasse transformierten sie sich jedoch zunehmend zu Organen des kapitalistischen Staatsapparates, geführt von einer „Arbeiteraristokratie“ und sie haben heute die Funktion der Kontrolle des Proletariats, um einen störungsfreien Ablauf der Wirtschaft zu garantieren. Um von Arbeiter*innen anerkannt zu werden, müssen sie natürlich hin und wieder auf Arbeiterrechte pochen bzw. kämpfen für höhere Löhne.

Siehe dazu auch, was die IKT (Internationale Kommunistische Tendenz) hier dazu schreibt.

Die gewerkschaftlichen Organisationen fungieren heute wie ein kapitalistisches Dienstleistungsunternehmen und reproduzieren kapitalistische Strukturen. Z.B. sind dem Gewerkschaftsapparat Mitglieder mit hohen Löhnen lieber, da sie mehr Mitgliedsbeiträge zahlen (also mehr „einbringen“) und nehmen deshalb überwiegend die Interessen der höher bezahlten, deutschen Arbeiter und Angestellten wahr. Ein weiterer Beweis der kapitalistischen Interessen der heutigen Gewerkschaften: Der österreichische Gewerkschaftsapparat hat mit seiner Bank BAWAG sogar die Streikkasse seiner Mitglieder verspekuliert.

Daraus ist auch zu erklären, dass sich die IG BAU am Kampf gegen „Schwarzarbeiter“ beteiligt und dass der DGB nach der Einverleibung der ehemaligen DDR  nicht nur die Streikwelle z.B. in Thüringen nicht unterstützte, sondern „Öffnungsklauseln im Flächentarifvertrag“ und damit Dumpinglöhne in den „neuen Bundesländern“ zuließ  sowie der „Agenda 2010“ und den „Hartz-Gesetze“ zustimmten, die zu einer enormen Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse führten: Abbau sozialer Errungenschaften, Installierung eines Niedriglohnsektors mit flächendeckenden Dumpinglöhnen, völlig entrechteten Arbeitsbedingungen in der „Hartz-Fabrik“ etc.

Arbeitsmigrant*innen und deren Kinder sind besonders hart von den Verschlechterungen betroffen, da es den meisten von ihnen – bedingt durch den strukturellen Rassismus des deutschen Staates – nicht gelang, in der Arbeitsmarkthierarchie aufzusteigen bzw. Karriere zu machen.

Und nun wieder zurück zum Rassismus in den Gewerkschaften:

Innerhalb des NS wurden die Klassen ideologisch durch das Konstrukt der Volksgemeinschaft beseitigt und deutsche Arbeiter*innen, die der NSDAP und einem der Kampfverbände des NS angehörten, sozial aufsteigen.  (siehe dazu Götz Aly, „Hitlers Volksstaat“)  (1)

Und der auch heute immer noch hochgeachtete Jurist Hans Carl Nipperday schrieb 1938 seinen Text „Die Plicht des Gefolgsmannes zur Arbeitsleistung“ (sein Buch scheint übrigens geschreddert worden zu sein…, denn es ist noch nicht einmal in der Staatsbibliothek erhältlich).  Nun, dieser Mann machte – wie der Vater des gegenwärtigen deutschen Innenministers, der Hilter im Führerbunker riet, durchzuhalten, denn der Militärapparat könne auch weiterwirken, wenn oberirdisch alles zerstört sei... Karriere.

Nach 1945 wurde die Volksgemeinschaft nicht beseitigt, denn die sogenannte „Entnazifizierung“ wurde aufgrund des „kalten Krieges“ gestoppt bzw. sie fand kaum statt. Dadurch wurde die deutsche Politik und Wirtschaft weiterhin von Nazis bestimmt und Hans Carl Nipperday, der einen der wichtigsten Streiks der Nachkriegszeit, verbot, blieb in Amt und Würden. Er sorgte dafür, der dass – lt. „Wiesbadener Appell“ – die Bundesrpublik Deutschland das weltweit rückständigste und restriktivste Streikrecht aller Demokratien hat.

Als – nach dem Wiederaufbau auf Basis des Marshall-Planes – die deutsche Wirtschaft Hochkonjunktur hatte und viele Arbeitskräfte gebraucht wurden, wurden viele sog. „Gastarbeiter“ angeworben. Diese arbeiteten in den Fabriken auf unterster Ebene, während die deutschen Arbeiter*innen wiederum in der Fabrikhierarchie aufsteigen konnten und Vorarbeiter, Meister, …leiter werden konnten bzw. zu Angestellten („Bürokaufmännern“) umgeschult wurden. Diese habe ich bereits eingangs auf Basis meiner eigenen Erfahrungen beschrieben.

Die Arbeitsmigrant*innen waren aufgrund des strukturellen Rassismus in den Gewerkschaften kaum vertreten und machten deshalb sogenannte „Wilde Streiks“, die im September 1969 begannen:

Im September 1969 verweigerten rund 150.000 Arbeiterinnen der Gewerkschaftsführung ihre Gefolgschaft und beteiligten sich an sog. „wilden“ Streiks – vor allem in der Stahlindustrie, dem Bergbau, der Metallindustrie, den Werften, der Textilindustrie und im öffentlichen Dienst. Sie konnten so Lohnerhöhungen von bis zu 10% durchsetzen.

Im Verlauf des Jahres 1973 kam es wiederum zu spontanen Streiks, an denen sich ca. 275.000 ArbeiterInnen aus mindestens 335 – auch kleineren und mittleren – Betrieben beteiligten. Die Streiks wurden vor allem von unqualifizierten Arbeitern, von ausländischen Arbeitern und von deutschen und ausländischen Frauen getragen. Daher rückten neben der Forderung nach Lohnerhöhung die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Vordergrund: die Abschaffung von Leichtlohngruppen, längerer und zusammenhängender Urlaub, Verlangsamung der Bandgeschwindigkeit etc.

Kennzeichnend für die 73er Streiks war, daß sie sich von Februar bis Oktober über das ganze Jahr verteilten und unterschiedliche Forderungen – je nach den Besonderheiten der jeweiligen Arbeitsbedingungen – erhoben wurden. Dies führte dazu, daß die Streikenden in einigen Fällen (z.B. bei Pierburg) Erfolge aushandeln konnten, in anderen Betrieben nur Teilerfolge erzielten oder gar ganz leer ausgingen.

Die Gewerkschaftsführung stellte die Streikenden zunächst als „gewerkschaftsschädigend“ dar, forderte sie zur Wiederaufnahme ihrer Arbeit auf und versuchte, die Streikbewegung als von „Linksextremisten“ gesteuert zu diffamieren.

Zum sogenannten. „Türkenstreik“ in Köln bei Ford:

http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/anwerbeabkommen/43219/der-grosse-streik?p=all

Aktuell zum Kampf der Geflüchteten und mangelnde Solidarität seitens der Gewerkschaften und des DGB mit ihnen siehe:

http://gewantifa.blogsport.eu/fb-nr-33-vom-ersten-tag-an-versuchte-der-dgb-uns-zu-raeumen/

Die Räumung der Geflüchteten aus dem DGB Berlin-Brandenburg führte zu einer lebhaften Debatte unter Gewerkschafter*innen und es wird dazu bald mehrere Veranstaltungen geben. Fakt ist, dass der Rassismus die Arbeiter*innenklasse spaltet und davon abbringt, das Kapital zu bekämpfen und aufzuheben und dadurch schwächt.

Deshalb ist es wichtig, dass von aktiven Gewerkschafter*innen  nicht nur Kritik am DGB-Vorstand bzw. Vorstand der Einzelgewerkschaften und ihrer Bürokratie geäußert wird, sondern sie damit beginnen, sich mit den Geflüchteten aktiv zu solidarisieren. In Berlin sind dazu mehrere Veranstaltungen geplant.

Die erste findet als „Asylpolitisches Forum“ am 1. Dezember im DGB  statt und ist von der DGB Jugend organisiert.

Die zweite findet im IG Metall Haus am 3. Dezember abends statt. Siehe dazu das Flugblatt: flyer_refugee_pdf-1

Eine weitere Veranstaltung soll voraussichtlich im Januar im verdi-Haus stattfinden.

Ich hoffe, dass diese Veranstaltungen dazu beitragen, den Rassismus in den Gewerkschaften und der Arbeiterschaft zurück zu drängen und langfristig gesellschaftlich aufzuheben. Dies geht jedoch nur durch Zerschlagung des bürokratischen Molochs, der aus Menschen Sachverwalter des Kapitals macht.

Die einzige Gewerkschaft, die WIRKLICH für die Rechte der Arbeitenden eintritt, ist die FAU. Sie unterstützt gerade Migrant*innen, die als unbezahlte Bau-Arbeiterer hart für die „Mall of Berlin“ gearbeitet haben, die dadurch zu einer „Mall of Shame“ geworden ist. Sie machen am Samstag eine Demonstration: 14 Uhr Leipziger Platz. Hier ist ein Video dazu:

Anmerkungen:

(1) siehe zu „Hitlers Volksstaat“ sowie den heute gültigen Sondergesetzen und deren Auswirkungen:

http://www.deutschlandfunk.de/goetz-aly-hitlers-volksstaat-raub-rassenkrieg-und.730.de.html?dram:article_id=102431

sowie – auch mit Kritik daran: http://de.wikipedia.org/wiki/Hitlers_Volksstaat

Das was heute die NPD fordert, fordete auch Müntefering: http://www.welt.de/print-welt/article370811/SPD-Deutsche-Jobs-zuerst-fuer-Einheimische.html

http://www.arbeitsagentur.de/web/content/DE/service/Ueberuns/WeitereDienststellen/ZentraleAuslandsundFachvermittlung/VersionsDEEN/DeutscheVersion/Arbeitsmarktzulassung/InformationenfuerAuslaenderbehoerden/index.htm

https://dejure.org/gesetze/AufenthG

Alltag von Geflüchteten: Illegalität schafft neue Sklaverei

Advertisements

Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Kritik der politischen Ökonomie, Proteste der Geflüchteten abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s