Bürgerliche Politik des Grauens

Ich las über die Tagung des Weltsicherheitsrates am 24. September in der SZ/dpaSo viel vom Arabischen Frühling ist in verkehrte Bahnen gelaufen“, sagte Ban [Ki Moon] in der Diskussion über den militanten Islamismus. „Wir brauchen eine entschlossene Aktion, um grausame Verbrechen zu stoppen, und brauchen offene Diskussionen darüber, was überhaupt zu dieser Bedrohung geführt hat.“

Das ist bürgerliche Politik: Ständige Kriegseinsätze, terroristische Aufstandbekämpfung, Sparzwänge, mangelnde Gesundheitsversorgung und Bildungsnotstand, Genozide, Frauenunterdrückung, Kolonialismus, religiöser Fanatismus, Sklaverei, Kinderarbeit … etc. … aber noch nicht einmal wissen, wodurch Bedrohungsszenarien hervor gerufen werden!

Okay, ich beteilige mich an dieser offenen/öffentlichen Diskussion und betreibe Ursachenforschung – auch wenn ich nicht darauf zu hoffen wage, dass meine Analyse zu den Augen der UN-Mitarbeiter vordringt:

Als Ben Ali aus Tunesien flüchten musste, da es dort eine der größten proletarischen Hungerrevolten dieses Jahrhunderts gab, nahm er den gesamten Staatshaushalt Tunesiens mit nach Saudi-Arabien, während seine Ehefrau mit den Goldbarren der „Familienkleptokratie“ gastfreundlich aufgenommen wurde. Ich sagte dazu, dass es ein großer Fehler sei, dass die tunesischen Revolutionäre das Vermögen des Ben Ali Clans nicht beschlagnahmten, denn es wurde dringend im Land für Investionen in die Infrastruktur, Schaffung von Arbeitsplätzen sowie zur Stablisierung der Errungenschaften der Revolution benötigt.  Ich erinnerte mich auch daran, wie die Pariser Commune 1871 zerschlagen wurde. Auch darin wurde versäumt, die vom Proletariat abgepressten Steuern der Selbstverwaltung zuzuführen. Das Staatsvermögen, was in der Zentralbank von Versailles lagerte, wurde nicht angetastet. Thiers konnte mit dem Geld und unter Mithilfe von Otto von Bismarck (obwohl dieser ja im deutsch-französichen Krieg sein Hauptfeind war) Soldaten gegen die Aufständischen finanzieren; Bismarck entließ eigens dafür auch 100.000 französische Kriegsgefangene, die gegen die aufständischen Proletarier*innen (der Aufstand ging wieder von proletarischen Frauen aus) losschlugen und ein Massaker unter ihnen anrichteten.  Es war also zu befürchten, dass Ben Ali die replünderten finanziellen Ressourcen Tunesiens ebenfalls für eine Konterrevolution benutzen würde. Doch aufgrund der vorhandenen Finanzquellen, den Petro-Dollars, die nach dem 11. September 2001 aus den USA abflossen (siehe dazu Loretta Napoleoni in „Die Ökonomie des Terrors“ sowie in diesem Vortrag auf youtube), war die Ansar Al Sharia auf die Finanzen von Ben Ali gar nicht so dringlich angewiesen. [1]

Dringender wären sie jedoch in den Elendsdistrikten und Hungervierteln von Tunesien gewesen, aus denen der Aufstand hervor gegangen war.

Die UNO sowie die bürgerlichen Politiker aller Herren Länder haben nie gegen den Raub des tunesischen Staatsvermögens durch Ben Ali protestiert und Druck auf dessen Gönner ausgeübt, es an das die so gelobhudelte „Jasminrevolution“ zurück zu geben. Als dann noch der deutsche Innenminister de Maizière – wege vieler Tunesier*innen, die nach Europa flüchteten sagte, dass die Menschen erkenne müssten, dass sie nach Tunesien gehören würden und sie dort bleiben und ihr Land aufbauen sollten, schrieb ich eine wütende Email an ihn. Doch da Saudi-Arabien ein großer Geschäftspartner der deutschen Wirtschaft war und ist, kam von der Seite der Minister kein Wort der Schelte an Ben Ali oder den Saudischen Herrscher-Clan.

Aufgrund fehlender Ressourcen – die vor allem in den Armenvierteln Tunesiens dringend benötigt wurden – konnten sich in diesen Vierteln die  Ansar Al Sharia Aktivisten breit machen.

Hier sind Berichte in englischer Sprache, wie sie vorgingen: Salafism in Tunisia: An Interview with a Member of Ansar al-Sharia

http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-22771536

Kurze Rückblende auf die Verbrechen des Bürgertums bzw. deren grauenvolle Politik:

Auch die NSDAP wurde nicht allein von der deutschen Bourgeoisie an die Macht gebracht, um die Arbeiterbewegung in Europa und „dem Osten“ zu zerschlagen. Die nichtdeutschen Financiers der Nazis (u.a. Henry Ford) erhofften sich von Hitler, dass er vor allem gegen die Sowjetrepubliken losschlagen würde (obwohl diese durch die Niederlage der Aufstände zwischen 1917-1923 schon nicht mehr „sozialistisch“ zu nennen waren, sondern völlig in Weltmarkt und Kapitalismus eingebunden blieben). Doch es kam ganz anders und die durch die Bourgeoise organisierte Konterrevolution kostete 60 Millionen Menschen das Leben und verwüstete die Erde. Weitere Millionen Menschen wurden schwerst traumatisiert und gaben die Traumatas an ihre Kinder weiter.

Diese Traumatas verhinderten, dass nach 1945 die Überlebenden des Grauens systematische Ursachenforschung betreiben und eine alternative zur politischen Ökonomie und Willkür der bürgerlichen Gesellschaft entwickeln konnten. Dies insbesondere, weil gleich danach der „kalte Krieg“ einsetzte, der sogar eine Entnazifizierung verhinderte. Auch die Revoltierenden der 68’er- Generation scheiterten darin, eine emanzipatorische Bewegung aufzubauen, die das Ziel hat, selbst die Bourgeoise von ihren kapitalistischen Sachzwängen zu befreien und zu Menschen zu machen, die ohne Diktatur des Kapitals und fremdbestimmender Ware-Geld-Beziehung leben und erst dann das Leben als menschliche Gattungswesen genießen können. Zu sehr orientierten sie sich an autoritäten Modellen und huldigten dem Maoismus bzw. kleinbürgerlichen Befreiungsbewegungen. Manch einer, wie Daniel Cohn-Bendit oder Joschka Fischer konnten später politische Karriere machen, andere ergatterten sich Professorenposten in den Universitäten bzw. dienten als Intellektuelle dem Kapital und perfektionierten es. So auch die Partei „die Grünen“.

Im „Ostblock“ und in Israel war es übrigens nicht anders…, denn auf globaler Ebene waren alle Staaten in den „kalten Krieg“ eingebunden, wobei es jedoch darin auch viele heiße Stellvertreterkriege gab und Israel zum Hauptfeind der Araber wurden, die von den Nazis im WWII antisemitisch indoktriniert worden waren.

Die US-Geheimdienst- und Militärmaschinerie als Durchsetzungsorgan kapitalistischer Interessen schlug unerbittlich zu, sobald sich irgendwo auf dem Erdball jemand als „Sozialist“ zu erkennen gab. Im Kongo arbeiteten Belgier und CIA zusammen, um Patrice Lumumba zu ermorden; in Chile wurden Allende und seine Anhänger grausam ermordet, im Iran der Schah Reza Palevi installiert, in Nicaragua die Sandinistas durch Contras in El Salvador ermordet (siehe dazu auch „Irangate„), im Afghanistan die Taliban an die Macht gebracht und während all dieser Zeit auch die innere Opposition – insbesondere die afroamerikanische – bekämpft und gewaltsam zerschlagen, wie das Black Panther Movement.

Zum Zweck der Installierung des Taliban-Regimes in Afghanistan, unter dem insbesondere die Frauen sehr zu leiden hatten (denn zuvor durften sie zur Schule gehen), wurde auch mit Bin Laden zusammen gearbeitet, der dafür die Al Kaida als Kommandozentrale schuf.

Ähnlich wurde nun gegen die „Jasminrevolution“ agiert und militante Jihadisten (Salafisten) gegen sie aufgerüstet und die neokoloniale Intervention in Libyen,  um den Maghreb unter Kontrolle zu bekommen und um Gaddafi zu liquidieren, hat sie noch mehr bestärkt.

Diese kämpfen nun in Syrien und Irak als „IS“ und sind Produkte der grauenvollen bürgerlichen Politik. Was „Gladio“ in Europa ist, ist IS im Nahen und Mittleren Osten sowie Maghreb, d.h. in der arabischen Welt. Beide haben ein gemeinsames Hauptziel, was sie auch – trotz gegensätzlicher Interessen – mit dem Ayatollah-Regime im Iran und dem Erdogan-Regime in der Türkei verbindet: Die Liquidierung Israels.

Durch investigativen Journalismus ist bekannt geworden, dass auch die Türkei IS(IS) unterstützt, obwohl die Türkei immer noch Nato-Mitglied ist und ebenfalls paramilitärische Gladio-Truppen hat.

Hier noch mehr links dazu in deutscher und englischer Sprache:

http://dtj-online.de/irak-is-kurden-jesiden-erdogan-kilicdaroglu-34229

http://www.spiegel.de/politik/ausland/isis-im-irak-wie-sich-die-tuerkei-bei-der-terrorgruppe-verschaetzte-a-975032.html

http://kurdistantribune.com/2014/isis-members-turkish-erdogan-harbours-jihadist-terrorists/

http://www.longwarjournal.org/archives/2014/06/turkeys_new_neighbor.php

Wie wäre es mal mit einem Protest vor der türkischen Botschaft gegen die Terror-Politik von Recep Tayyip Erdoğan? Denn immerhin betrachtet IS auch die muslimischen Türken als „Kufr“ (=Ungläubige) und hat weitaus mehr Türken in Gefahr gebracht und dem Tod preisgegeben als die IDF auf der Marvi Marmara. Wo blieb Ihr Aufschrei gegen den IS-Terror darob, Mr. Erdoğan ?

Laut BILD gelten übrigens deutsche IS-Kämpfer als besonders grausam. Nun ja, der Axel-Springer-Konzern hat bekanntlich mit dazu beigetragen: 1. durch Unterstützung der Verhinderung der Entnazifierung und Kalte-Krieg-Propaganda als Hofschranzen von Adenauer und Strauss, 2. durch rassistische Hetze gegen Arbeitsmigrant*innen und Verhinderung deren Anerkennung als deutsche und hart arbeitende sowie steuerzahlende Staatsbürger*innen, 3. durch Hetze gegen die Türkei, als sich die türkische Regierung noch darum bemühte, in die EWG/EU aufgenommen zu werden. Als diese Bemühungen – insbesondere „durch deutsche rassistische Politiker mit oder ohne Rollstuhl“ (U.W. Sahm) – scheiterten, wurde die Türkei zunehmend in die Arme der arabischen Welt getrieben. Auf dem Parkett der ökonomischen Politik der OPEC-Staaten und Arabischen Liga kann jedoch niemand mitspielen, der nicht israelfreundlich, antisemitisch agiert. Resultat: Durch antisemitische Hetze in türkischen Medien, die auch in Europa empfangen werden – agieren türkische Jugendliche z.T, noch wesentlich aggressiver gegen Juden in Europa als z.B. Palästinenser*innen und lassen sich von militanten Jihadisten rekrutieren.

Übrigens haben die Killerbanden sich in IS umbenannt, weil sie ihren mörderischen Greuel-Staat nicht mehr nur auf Syrien und den Irak beschränken wollen.

Die US-Imperialisten haben zuvor übrigens Katar und den Saudis Rückendeckung zum Aus- und Aufbau der Jihad-Rebellen in Syrien gegen Assad und den Iran gegeben, machten aber nun einen gewaltigen Kurswechsel und koalieren nun mit dem Iran! (siehe dazu auch: Syrian rebels angry that strikes hit al Qaida ally but not Assad). Dies ist auch der Grund, warum wir keinen Aufschrei aus Moskau hören.

Anmerkung:

[1] Auch wenn Ben Ali zuvor diese islamistische Gruppe verfolgte, so bedeutet das ja nicht, dass er sie nicht für eine Konterrevolution benutzt. Dies tun alle Regierungen, auch die deutsche. In Zeiten von ökonomischer Prosperität und Stabilität werden Nazi-Gruppen klein gehalten, wenn es jedoch in Krisenzeiten anfängt, in der Gesellschaft zu rumoren, werden „die Kettenhunde des Kapitals von der Leine gelassen“ und gegen sozialistische Aufständische und die Arbeiter*innenbewegung gehetzt.

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Über alikase99

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