Bildung statt BILD

Offener Brief zum Thema „Sexismus“ an Medienarbeiter*innen

Berlin, den 29.7.2013

Liebe Kolleg*innen,

Ich bin Menschenrechtler*in und sehe im „refugee-streik“ bzw. „Asylmarsch“ eine der wichtigsten und am kontinuierlichsten arbeitenden Menschenrechtsgruppen dieser Epoche am Wirken. Eben deshalb unterstütze ich alle, die mit zivilem Ungehorsam auf die Menschenrechtsverletzungen gegenüber Flüchtlingen/Asylbewerbern in diesem Land aufmerksam machen. Ich habe mich sehr oft im Camp am Oranienplatz aufgehalten und dort viele interessante Menschen kennen und schätzen gelernt. Hin und wieder habe ich auch einen der jungen Männer von dort mit in meine Wohnung genommen und bei mir duschen und schlafen lassen. Nie wurde ich von ihnen gegen meinen Willen berührt oder von ihnen erniedrigt.

Das Camp liegt im Herzen von „Berlin ist arm – aber sexy“, wie es der Berliner Bürgermeistern Klaus Wowereit mal sagte. Wie sie wissen, ist der Tourismus in Berlin eine der Haupteinnahmequellen geworden und leider werben Tourismusunternehmen auch mit Sextourismus. So ist es kein Wunder, dass immer mal wieder betrunkene Touristen in das Camp taumeln, um dort „was Knackiges“ für die Triebbefriedigung zu finden.
Insofern kam es auch öfter mal zu Konfrontationen zwischen männlichen Besuchern sowie sogenannten „Supportern“ (die mir „auf die Pelle rückten“) und mir, da ich als Feministin keine patriarchale Erniedrigungs dulde.

Ich selbst wurde als Mädchen/junge Frau immer wieder von deutschen Männern belästigt, die es nicht lassen konnten, mir gegenüber als Busengrapscher, Pokneifer und -klappser, am-Rockzipfel-Hänger bishin zum Vergewaltiger in Erscheinung zu treten. Insofern bin ich darin geübt, Männer, die mich als ihr Sexobjekt benutzen wollen sehr bestimmend gegenüber zu treten. Insbesondere betrunkene Männer nerven mich. Wenn sie sich Mut angetrunken haben. Wenn sie respektlos sind und herumpöbeln. Wenn sie brutal und egoistisch sind. Wenn sie Platzhirschenallüren haben. Wenn sie mein Leben bestimmen wollen. Wenn sie nur Männern zuhören und dabei das Schluchzen von uns Frauen ÜBERhören. Wenn sie empathielose Aufreißertypen sind. Wenn sie ihr Auto mehr lieben als ihr Kind. Wenn sie allen ihren Ehefrauen die ganze Hausarbeit überlassen und dann auch noch das Haushaltsgeld mit ihren ebenfalls männlichen Kumpeln verprassen. Wenn sich stets als Wortführer aufspielen und sich im Gebalge um Führerschaft/leadership Hahnenk(r)ämpfe liefern. Wenn sie rücksichtslos mit ihren Karren durch die Straßen brettern. Wenn sie mich für ihren Privatgewinn schuften lassen. Wenn sie das Geld für die Miete eintreiben, obwohl sie sich gar nicht um das Haus und seine Bewohner*innen bemühen. Wenn sie nur an ihre persönliche Karriere in der immer brutaler werdenden Konkurrenzgesellschaft denken… Wenn sie meinen… Wenn, … wenn… wenn…. Es gibt zu viele dieser bürgerlich-patriarchalen Verhaltensmuster. Und die meisten haben gegenüber Frauen einen sexistischen Charakter. Denn das Patriarchat deformierte uns zu Objekten und raubte uns unsere Subjektivität, unser Begehren, unsere Begierde und damit Wohlbefinden und Zufriedenheit. Der Macho-Charakter feiert grausame Wiederauferstehung und macht die brutale Wirklichkeit noch grauenhafter. Denn Frauen wurden zum Masochismus erzogen, Männer dagegen, dürfen aggressiv sein. Deshalb wird ihnen auch schon im frühen Kindesalter eine Spielzeugknarre gekauft, während den Mädchen eine Barbie in die Hand gedrückt wird.

Zusätzlich zu all den beschriebenen Phänomenen kommt noch der Erotik- und Porno-Boom der Privatfernseher und via Internet, der die Männer immer verrückter macht. Dies haben mir auch schon viele Männer erzählt.

Mit großer Sorge muss ich zur Kenntnis nehmen, dass die patriarchale Gewalt gegenüber Frauen seit dem Herbst 2001 stark am Ansteigen ist. Dies liegt auch mit an den vielen Kriegs- und Killerspielen, die via PC über männliche Jungen/Jugendliche hereinprasseln und auch gewalttätiges Verhalten in den Schulen beförderten.

Die ökonomisch bedingte Sklaverei: Aufgrund allgemeiner Verarmung durch HartzIV sowie Lehrstellenmangel mit späterer Festeinstellung flüchten inzwischen wieder immer mehr junge Mädchen/Frauen in die Versorgungsehe, in der sie den Männern jedoch völlig ausgeliefet ausgeliefert sind. Aufgrund des neoliberal bedingten Wohnungsmangels an preisgünstigem Wohnraum ist es für sie nicht möglich, nach Erniedrigungen und häuslicher Gewalt (wozu auch die Vergewaltigung in der Ehe zählt) einfach aus-zuziehen. Sie müssen deshalb oftmals wie eine Hausmagd und Sexsklavin für den Geldeinbringer schuften. Nicht nur das: Viele Frauen und junge Mädchen werden in die Prostitution gedrängt oder gar als Zwangsprostituierte nach Deutschland / Berlin verkauft. Besonders grauenhaft ist die Situation für geflüchtete Frauen, die erhoffen, über eine Ehe mit einem deutschen Mann ihre – durch die Sondergesetze für sog. „Ausländer“ völlig rechtlose und unsichere Existenz – zu verbessern. Es gibt nämlich sehr viele Männer, die genau dies ausnutzen und ihre Ehefrauen erpressen und sich plötzlich von ihr finanzieren lassen. Dies alles ist nicht besonders „sexy“ insbesondere deshalb, weil soziale Einrichtungen wie Frauenhäuser, Frauennotruf, Sozialarbeiter*innen für traumatisierte Frauen unter der Herrschaft eine Frauensenators stark abgebaut wurden.

Ich halte den Sexismus in der Schicht der wohlhabenden Männer – die peinlicherweise von den bürgerlichen Medien hoch geachtet werden – für weitaus brisanter als die patriarchalen Allüren einiger weniger Machos im „refugee“-Umfeld, da sie aufgrund der Sondergesetze längst nicht so geschützt sind, wie ihre deutschen Geschlechtskameraden.

Eben deshalb war die Aktion „Aufschrei“, die durch eine whistleblowerin in der Journalistik ausgelöst wurde so richtig „klasse“.
Ich sehe mich aufgrund der aktueller Wahk(r)ampf-Stimmungsmache, die wieder mal auf dem Rücken derer ausgetragen wird, die zu den unterprivilegiertesten und rechlosesten Menschen dieser Gesellschaft gehören, dazu gezwungen, einen neuen Aufschrei bezüglich der Sex-and-Crime-Geilheit der „Revolverblätter“ zu tätigen. Und: Er muss bis in die Chefetage des Axel-Springer-Konzerns dringen.

Frauen/Transgender: Aus diesen Gründen schlage ich am Freitag, den 2. August von 11.55 Uhr bis 13.00 Uhr Krach vor dem Axel-Springer-Haus. Beteiligen Euch ! Bringt kleinkalibrige Bratpfannen und Töpfe, Trillerpfeifen, Vuvuzelas etc. und gut gemachte Banner/Transparente für die Aufhebung des „Tittytainments“ mit, das uns Frauen immer mehr entwürdigt!

Vorbereitungstreffen: Do., den 1. August, abends um 18 Uhr am/im „Südblock“ am Kotti. Denn ein paar gute, kurze, lyrische Redebeiträge sollten auch gehalten werden.

Ein Wort auch noch an Herrn Henkel, der von „rechtsfreien Räumen“ in Kreuzberg am Oranienplatz sprach:  Jede Tat(sache), die uns Frauen unsere Menschenwürde raubt, ist ein vom Patriarchat und Männerwillkür besetzter, rechtsfreier Raum, da unser Recht darin gebrochen oder zerbrochen wurde. Dieses Unrecht schafft einen Hordentriebkraft. Diese Triebkraft wiederum transformiert sich als Freiwildjagd auf feminine Singles. Dies sicherlich auch im Inneren Ihrer eigenen Behörde..

Und hier noch einmal mein Appell an die hart arbeitenden Frauen in den Mainstream-Medien: Lasst uns die „Revolvermedien“ bestreiken und tolerieren wir das Unrecht patriarchaler Willkür nicht mehr! Feministische Zivilcourage now ! Starten wir die „Aktion Aufschrei II“

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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