Asyl für Obdachlose – Obdachlosigkeit für Asylsuchende

Ich versuchte mich heute in einer gepflegten Auseinandersetzung mit dem Berliner Innensenator Frank Henkel und postete folgendes auf seine Facebook-Seite – freilich in der reichlich naiven Hoffnung, dass es sinnig sei und sich vielleicht daraus eine substantielle Debatte entzünden könne-:

Sehr geehrter Herr Henkel, ich habe Ihre Verlautbarung in der Zeitung „Die Welt“ gelesen:

http://www.welt.de/newsticker/news3/article110459541/Fluechtlingsprotest-Henkel-warnt-vor-politischer-Inszenierung.html

Zu Ihrem Vorwurf kann ich nur sagen, dass leider oftmals das Begehren von Menschen instrumentalisiert wird. Sie sollten aber auch wissen, dass Menschen bei einem Hungerstreik Unterstützung brauchen und dies umso mehr, wenn die Innenbehörde/Polizei das Versammlungsrecht verstümmelt und ihr Gewaltmonopol so schikanös und lebensbedrohlich anwendet, wie es gegenwärtig am Pariser Platz der Fall ist. Durch die Willkür der Versammlungsrechteinschränkung wurden die Hungerstreikenden ja erst von Unterstützer*innen abhängig.
Nun zur „Inszenierung“: Das zur Show gestellte tägliche Gewaltmonopol am Brandenburger Tor ist eine Inszenierung par excellance, die der Einschüchterung dient. Und nund eine Frage an Sie: Inszenieren Sie sich nicht auch im Berufsleben täglich als Politiker und gegenwärtig als Senator für Sport und Inneres?
Sind nicht die Rollen denen wir als Bürger entsprechen müssen – wie z.B. auch die des Straßenverkehrsteilnehmers, Mieters etc. tagtägliche Inszenierungen mit Benimm-Regeln und definierten Gesetzen des BGB?
Schlussendlich möchte ich aber noch bemerken, dass Proteste, Versammlungen auch einen Charakter von Symbolik haben. Und gerade für Geflüchtete gehört das Zelt dazu. Dies weil der überwiegende Teil der Flüchtlinge weltweit in Zeltlagern hausen muss.
Eben deshalb ist es für mich unerträglich, dass die Berliner Behörden den Flüchtlingen genau dieses Symbol entwendeten und sie obdachlos machten. Ich empfehle Ihnen dazu den Essay „Asyl für Obdachlose“ von dem Philosophen T.W. Adorno, nur dass es nun heißen muss: „Obdachlosigkeit für Asylsuchende“
Mehr dazu auch hier, wo ich ihn für Sie publiziere:
foodandpeace.wordpress.com

Berlin. 24. Oktober 2012, Pariser Platz, Flüchtlingen wird ihr Zelt "beschlagnahmt", Foto von (c) Cigdem Hizkan

Berlin. 24. Oktober 2012, Pariser Platz, Flüchtlingen wird ihr Zelt „beschlagnahmt“, Foto von (c) Cigdem Hizkan

Asyl für Obdachlose.

Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an. Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt. Die neusachlichen, die tabula rasa gemacht haben, sind von Sachverständigen fur Banausen angefertigte Etuis, oder Fabrikstätten, die sich in die Konsumsphare verirrt haben, ohne alle Beziehung zum Bewohner: noch der Sehnsucht nach unabhängiger Existenz, die es ohnehin nicht mehr gibt, schlagen sie ins Gesicht. Der moderne Mensch wünscht nahe am Boden zu schlafen wie ein Tier, hat mit prophetischem Masochismus ein deutsches Magazin vor Hitler dekretiert und mit dem Bett die Schwelle von Wachen und Traum abgeschafft. Die Übernächtigen sind allezeit verfügbar und widerstandslos zu allem bereit, alert und bewusstlos zugleich. Wer sich in echte, aber zusammengekaufte Stilwohnungen flüchtet, balsamiert sich bei lebendigem Leibe ein. Will man der Verantwortung fiirs Wohnen ausweichen, indem man ins Hotel oder ins möblierte Appartement zieht, so macht man gleichsam aus den auf gezwungenen Bedingungen der Emigration die lebenskluge Norm. Am ärgsten ergeht es wie überall denen, die nicht zu wählen haben. Sie wohnen wenn nicht in Slums so in Bungalows, die morgen schon Laubenhütten, Trailers, Autos oder Camps, Bleiben unter freiem Himmel sein mögen. Das Haus ist vergangen. Die Zerstörungen der europäischen Städte
ebenso wie die Arbeits- und Konzentrationslager setzen bloß als Exekutoren fort, was die immanente Entwicklung der Technik über die Häuser längst entschieden hat. Diese taugen nur noch dazu, wie alte Konservenbüchsen fortgeworfen zu werden. Die Möglichkeit des Wohnens wird vernichtet von der der sozialistischen Gesellschaft, die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät. Kein Einzelner vermag etwas dagegen. Schon wenn er sich mit Möbelentwürfen und Innendekoration beschäftigt, gerät er in die Nähe des kunstgewerblichen Feinsinns vom Schlag der Bibliophilen, wie entschlossen er auch gegen das Kunstgewerbe im engeren Sinne angehen mag. Aus der Entfernung ist der Unterschied von Wiener Werkstätte und Bauhaus nicht mehr so erheblich.

Mittlerweile haben die Kurven der reinen Zweckform gegen ihre Funktion sich verselbständigt und gehen ebenso ins Ornament über wie die kubistischen Grundgestalten. Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen, solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen. »Es gehört selbst zu meinem Glücke, kein Hausbesitzer zu sein«, schrieb Nietzsche bereits in der Fröhlichen Wissenschaft. Dem müsste man heute hinzufügen: es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein. Darin zeigt sich etwas an von dem schwierigen Verhältnis, in dem der Einzelne zu seinem Eigentum sich befindet, solange er überhaupt noch etwas besitzt. Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, daß die Fülle der Konsumgüter potentiell so groß geworden ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; daß man aber dennoch Eigentum haben muß, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt. Aber die Thesis dieser Paradoxie führt zur Destruktion, einer lieblosen Nichtachtung für die Dinge, die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt, und die Antithesis ist schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

T.W. Adorno in „Minima Moralia“

Und wenn das schon so ist, dass diese Zivilisation unter einem verallgemeinerter Dachschaden leidet, so sollten wir tatsächlich alle auf die Straße gehen, um diese Zivilisationskrankheit zu überwinden! Geflüchtete Bordsteinschwalben aller Länder, verschwistert Euch mit den ebenfalls nicht sesshaften Friedenstauben aller Himmel, damit „no-border“ Wirklichkeit wird!

Vögel... einer fliegt davon

Foto von Sahar El-Nadi, die auch meine Lieblingsseite in Ägypten betreut:
http://www.zero-net.net/

Der nächste Alle-auf-die-Straße-Termin am „Pariser Platz“: Samstag, den 3. November um 15 Uhr

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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Eine Antwort zu Asyl für Obdachlose – Obdachlosigkeit für Asylsuchende

  1. quer denker schreibt:

    jedermann und jedefrau wird in einer kathedrale wohnen 😉

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