Weltkindertag 20.9.2012 Bürgermeisterbrief der „Kottikids“

Heute wurde dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit dieser Brief der „Kottikids“ in der Senatskanzlei übergeben und in das „Gästebuch“ des Roten Rathauses geklebt. Er wurde auch in der U-Bahn und vor dem Roten Rathaus verteilt. Später wurden zahlreiche Mieter*innen, insbesondere Mütter mit Kindern und natürlich die Kinder, die bereits lesen können, davon informiert und ihnen eine Kopie dieses Briefes gegeben. Ich war auch auf dem Spielplatz am Kotti und spontan sagten einige Kinder: „Oh wir wollen auch so einen Brief schreiben“ und/oder „den wollen wir aber auch unterschreiben!“ Ich habe ihnen auch erzählt, dass am 23. September auf dem Potsdamer Platz – beim Weltkindertagfest – dieser Brief zwischen 15.45 und 16 Uhr verlesen wird und dass wir auch ein „eigenes“ Kinderfest planen. Sie haben mich eingeladen, weiter mit ihnen Kontakt zu halten und sie auf dem Spielplatz zu besuchen.

Ich/wir wollen am Sonntag aber auch darauf hinweisen, dass sichere Wohnverhältnisse von der UNICEF-Konvention für Kinderrechte angemahnt werden.In der Charta heißt es im Artikel 16: „(1) Kein Kind darf willkürlichen oder rechtswidrigen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung oder seinen Schriftverkehr oder rechtswidrigen Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden.
(2) Das Kind hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.“

Die neoliberale Wohnungspolitik, in der nicht nur die Mieten drastisch erhöht werden, sondern immer mehr Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden, wirkt auf Familien mit geringem Einkommen willkürlich ein. Dies auch, weil die Einkommen mit den drastischen Verteuerungen von Mieten, Betriebskosten sowie auch den Energiepreisen nicht Schritt halten, sondern die Dumpinglöhne eher noch zugenommen haben bzw. wieder mehr Menschen entlassen werden, die auf ein sehr geringes ALG angewiesen sind.

Die Kinder schilderten mir ihre Situation in den Schulen, wo sich oft ausgeschlossen fühlen. Z.B.: Die kinder machen einen Klassenausflug und viele Kinder haben gute Kameras, mit denen sie viele Fotos machen, die sie dann in der Schule austauschen. Kinder, die keine Digitalkamera besitzten, sind damit aus der fotografischen Nachbereitung des Klassenausfluges ausgeschlossen und stehen traurig am Rande. So oder so hat es eh keinen Zweck auf das „Bildungspaket“ zu verweisen, denn: 1. Arbeiten viele Eltern der Kotti-Kids (sind jedoc „Geringverdiener*innen“) und 2. ist vieles für die Schule zu Zahlende gar nicht von diesem „Bildungspaket“ erfasst, wie z.B. eine Digitalkamera. Dass Kinder ausgeschlossen werden und ihr Selbstwertgefühl stark darunter leidet ist tatsächlich in hohem Ausmaß den teuren Mieten zu verdanken. Wenn ca. 50 % des Einkommens für die Miete draufgeht, ist kaum noch Geld für die Bedürfnisse der Kinder vorhanden. Mich empört das sehr und deshalb stehe ich auf der Seite der „Kottikids“.

Fotos von ihnen gibt es hier:

http://galerie.emanzipation.eu/

Und zur Auseinandersetzung empfohlen wird auch der vorige Artikel: „Schützen wir Kinder vor Gentrifizierung“

Doch nun zum Brief, der auf einer Versammlung der Kinder abgestimmt wurde und richtige „Lesewettbewerbe“ ausgelöst hat:

Kottikids, c/o Gecekondu, Kottbusser Tor / Südflügel, 10999 Berlin

An den 

Regierenden Bürgermeister von Berlin

– Senatskanzlei –
Jüdenstr. 1
10178 Berlin

http://kottiundco.net/

Offener Brief zum Weltkindertag 2012

 

Sehr geehrter Herr Wowereit,

wir Kinder haben Angst davor, dass wir hier vom Kotti wegziehen müssen, weil unsere Eltern die hohen Mieten kaum noch bezahlen können. Deshalb können unsere Eltern uns auch vieles, was wir für die Schule brauchen, nicht kaufen. Ein immer größerer Teil des Arbeitslohnes, des Arbeitslosengeldes oder der Rente geht an die Hausbesitzer für die Miete. Deshalb haben unsere Großeltern, Eltern und größeren Geschwister auch immer weniger Zeit, um mit uns etwas zu unternehmen, denn sie stehen im Stress, um das Geld für die Miete herein zu bekommen.

Wir haben außerdem Angst davor, dass wir unsere Freunde und Freundinnen verlieren, wenn wir hier wegziehen müssen. Wir haben auch Angst davor, dass wir die Schule wechseln müssen und wir unsere Klassenlehrer*innen und Mitschüler*innen, mit denen wir vertraut sind, nicht mehr sehen. Viele von ihnen mögen wir sehr gern.

Wir sind hier am Kotti wie eine große Familie und helfen uns gegenseitig und wollen deshalb hier weiter zusammen leben. Denn wir sind hier geboren und hier aufgewachsen und unsere Eltern haben Kreuzberg mit aufgebaut. Einige unserer (Groß-)Väter und Onkel haben als Bauarbeiter sogar das Willi-Brandt-Haus gebaut.

Bitte setzen Sie sich deshalb dafür ein, dass die Miete herunter gesetzt wird und wir weiterhin am Kotti in Kreuzberg wohnen bleiben können.

Mit freundlichen Grüßen,

die Kinder vom Gecekondu

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Über alikase99

I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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