Europas Niedergang

Die gegenwärtige globale Wirtschafts“krise“ ist mehr als nur eine „Krise“, denn der Terminus „Krise“ ist ein Euphemismus angesichts der Tatsache, dass dieses auf Lohnarbeit beruhende Wirtschaftssystem im Niedergang begriffen ist. Die Ursache dafür liegt in der technologischen Produktivkraft, die immer mehr lebendige Arbeitskraft auf dem Produktionsprozess hinaus katapultiert unddie Arbeitenden zur prekären Klasse werden, die in Nischen gedrängt und zu Freelancern gemacht werden. Bedingt durch die Produktivität wird die Überakkumulation immer verheerender. Das, was als „Finanzkrise“ in Erscheinung tritt, ist nur ein Ausdruck davon, keinesfalls jedoch die Ursache der „Krise“. Die Überakkumulation sowie die damit verbundene Massenarbeitslosigkeit wurde schon vor langer Zeit in dem Buch „Wege in’s Paradies“ von André Gorz thematisiert. Dieser stützte sich wesentlich auf das Produktivkräftekapitel im Buch „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ von Karl Marx. Darin heißt es: (…) Der Austausch von lebendiger Arbeit gegen vergegenständlichte, d.h. das Setzen der gesellschaftlichen Arbeit in der Form des Gegensatzes von Kapital und Lohnarbeit − ist  die letzte Entwicklung des Wertverhältnisses und der auf dem Wert beruhenden Produktion. Ihre Voraussetzung ist und bleibt − die Masse unmittelbarer Arbeitszeit, das Quantum angewandter Arbeit als der entscheidende Faktor der Produktion des Reichtums. In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden und die selbst wieder − deren powerfuleffectiveness [mächtige Wirksamkeit] selbst wieder in keinem Verhältnis steht zur unmittelbaren Arbeitszeit, die ihre Produktion kostet, sondern vielmehr abhängt vom allgemeinen Stand der Wissenschaft und dem Fortschritt der Technologie, oder der Anwendung dieser Wissenschaft auf die Produktion. (Die Entwicklung dieser Wissenschaft, besonders der Naturwissenschaft und mit ihr aller andren, steht selbst wieder im Verhältnis zur Entwicklung der materiellen Produktion.) Die Agrikultur z.B. wird bloße Anwendung der Wissenschaft des materiellen Stoffwechsels, wie er am vorteilhaftesten zu regulieren für den ganzen Gesellschaftskörper. Der wirkliche Reichtum manifestiert sich vielmehr − und dies enthüllt die große Industrie − im ungeheuren Mißverhältnis zwischen der angewandten Arbeitszeit und ihrem Produkt wie ebenso im qualitativen Mißverhältnis zwischen der auf eine reine Abstraktion reduzierten Arbeit und der Gewalt des Produktionsprozesses, den sie bewacht. Die Arbeit erscheint nicht mehr so sehr als in den Produktionsprozeß eingeschlossen, als sich der Mensch vielmehr als Wächter und Regulator zum Produktionsprozeß selbst verhält. (Was von der Maschinerie gilt ebenso von der Kombination der menschlichen Tätigkeit und der Entwicklung des menschlichen Verkehrs.) Es ist nicht mehr der Arbeiter, der modifizierten Naturgegenstand als Mittelglied zwischen das Objekt und sich einschiebt; sondern den Naturprozeß, //3/ den er in einen industriellen umwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert. Er tritt neben den Produktionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein. In dieser Umwandlung ist es weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen allgemeinen Produktivkraft, sein Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper − in einem Wort die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, die als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint.

Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neuentwickelte, durch die große Industrie selbst geschaffne. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört, Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes. Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen, und der unmittelbare materielle Produktionsprozeß erhält selbst die Form der Notdürftigkeit und Gegensätzlichkeit abgestreift. Die freie Entwicklung der Individualitäten und daher nicht das Reduzieren der notwendigen Arbeitszeit, um Surplusarbeit zu setzen, sondern überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht. (…) (S. 600 ff.)

Der ungeheuere Druck auf dem Arbeitsmarkt – bedingt durch die Massenarbeitslosigkeit. einem sehr eingeschränkten Streikrecht und dem durch die Hartz-Gesetze installierten Niedriglohnsektor inkl. dem Niedriglohnsektor – führten in Deutschland zu Dumpinglöhnen. Dies verschärft die globale Krise und bringt überdies gefährlichen Nationalchauvinismus hervor bzw. nationalistische Gegenreaktionen. Der ökonomische Faktor deutscher Dumpinglöhne wurde von belgischen Gewerkschaftern analysiert:

Deutschlands Niedriglöhne und die dadurch resultierenden Handelsüberschüsse sind mitverantwortlich für die europäische Krise

Seit einem Jahr führen belgische Gewerkschafter fast unbemerkt einen Kampf gegen deutsche Niedriglöhne.[1] Die Initiative mit dem Namen „Helft Heinrich!“ wirkt auf den ersten Blick vielleicht paradox, ist es aber nicht.

Denn die Initiatoren haben verstanden, daß Deutschland seit Schröder zum „China Europas“ wurde (brutale Exportausrichtung durch größten Niedriglohnsektor der EU; keine Mindestlöhne, prekäre Arbeitsverhältnisse, Entrechtung und Entwurzelung usw.) und dadurch nicht nur andere EU-Arbeitsmärkte unter Druck setzt, sondern auch für die Eurokrise entscheidend mit verantwortlich ist: Deutsche Exportüberschüsse (Leistungsbilanzüberschüsse) bewirkten nämlich auf der Gegenseite erst die proportionale Verschuldung (Leistungsbilanzdefizite) in anderen Ländern[2] — was jeder Buchhalter eigentlich weiß, auch wenn es hierzulande gern verschwiegen wird. Dies führt zu immenser Ẃettbewerbsverzerrung, ähnlich wie bspw. in Afrika durch die EU-subventionierten Agrarexporte, und in der Folge zu Deindustrialisierung, was steigende Arbeitslosigkeit und damit weitere Staatsverschuldung (sinkende Steuereinnahmen; höhere Sozialausgaben) in den betroffenen Ländern nach sich zieht.

Und nun wird aus Deutschland ausgerechnet gefordert, daß andere EU-Länder mit dem „Spardiktat“ dieses Ponzi-Schema übernehmen — was natürlich nicht funktionieren kann, weil niemand mehr da ist, auf dessen Kosten sich diese Länder „exportorientiert“ machen könnten. Die verordneten Sparprogramme können also gar nichts bewirken, führen aber dafür umso schneller in die Verelendung und zerstören die wirtschaftliche Basis solcher Länder vollends und nachhaltig. Was dann passiert, werden wir bald im „Labor Griechenland“, aber auch in Spanien, Portugal und Italien beobachten können. Am Ende wird das auch auf die deutsche Exportwirtschaft zurückfallen, deren Überschüsse dramatisch einbrechen werden, aber das ist eine andere Geschichte.

Es ist also vernünftig und im Interesse Aller, wenn das Problem an seiner sozialen Wurzel angepackt wird und die geschwächten Lohnabhängigen hierzulande, gerade im Niedriglohnsektor, im Arbeitskampf international unterstützt werden. Darüber hinaus ist eine internationale Vernetzung des Arbeitskampfes angesichts der internationalen Vogelfreiheit des Kapitals ohnehin längst überfällig. Das sollten v.a. auch deutsche Gewerkschaften als Chance begreifen und nutzen. Bisher tun sie das aber so gut wie nicht.

[1] Hier ein Artikel zur Initiative „Helft Heinrich!“:
http://www.ak-gewerkschafter.de/2011/07/15/helft-heinrich/

[2] Seit Einführung des Euro 2002 hat sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuß auf schätzungsweise 800 Milliarden Euro akkumuliert, s. hier:
http://www.querschuesse.de/deutsche-exporte-schwachen-sich-ab/
Vgl. dazu diesen Artikel von Thomasz Konicz: „Europas Showdown“
http://www.heise.de/tp/artikel/36/36994/1.html


Zusätzlich werden wir auch noch mit einer Staatsschulden- und Währungs“krise“ konfrontiert. Ein wirtschaftlicher Niedergang bringt auch den politischen Überbau und das soziale Verkehrsverhältnis in’s Wanken. Dies stellt die Systemopposition (zu der sich auch seit dem letzten Jahr die 15M-Bewegung in Spanien und die Occupy-Bewegung in den USA hinzu gesellt haben) vor die Herausforderung, sich mit den gesellschaftlich Arbeitenden zu verbünden und eine neue Vergesellschaftung sowie grundlegende Umgestaltung der bisherigen Produktionsweise in’s Werk zu setzen.

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I'm struggling for a good future for y-our (your/our) children. Ich bemühe mich um eine gute Zukunft für unsere Kinder. We all are sisters and brothers, children and parents. Wir sind alle Schwestern und Brüder, Kinder und Eltern.
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